Leseprobe
Band 6 / Die Stunde der Geister
30. November 1291, Burg Buchenau, Sitz der Herren von Buchenau
„Verflucht sollst du sein! Auf ewig verflucht! Du Teufelin im Engelskleid! Nach deinem Tod sollst du im Grab keine Ruhe finden. Du wirst in deinem weißen Gewand auf ewig dort umgehen, wo mein Hof steht!“ Ein Faustschlag an die Schläfe des Mannes beendete seinen Fluch. Er fiel zur Seite und blieb reglos auf dem kalten, gemauerten Boden des Vorratskellers liegen, der seit einigen Wochen als Kerker zweckentfremdet wurde. Der kräftige Knecht, der den Mann zum Verstummen gebracht hatte, sah seine Herrin fragend an. Er versah eigentlich seine Dienste als Schmied der Burg, doch nahm er auch andere Aufgaben wahr, wenn es befohlen wurde. Elisabeth von Buchenau war bei den Worten des Mannes zusammengefahren; ihr Atem hatte gestockt. Sie schluckte, holte tief Luft und machte eine fahrige und unbestimmte Geste. Der Schmied zuckte ratlos die Achseln.
Mit aschfahlem Gesicht wandte sich die Burgherrin ab, raffte ihr Kleid und eilte die Stufen hinauf, die vom Keller der Burg zurück ans Tageslicht führten. Tageslicht? Es war ein grauer, trüber Morgen, der kaum verdiente, dass man ihn später Tag nennen sollte. Dichte, dunkle Wolken hingen über dem Land und ein leichter, aber eisiger Wind ließ jeden Knecht und jede Magd frösteln, die sich im Burghof aufhielten.
Elisabeth von Buchenau hatte dafür keinen Blick. Blindlings hastete sie über den gepflasterten, kalten Innenhof der Burg zum Wohnturm, wo sich an oberster Stelle ihr Gemach befand. Das Gesinde, an dem sie wortlos vorbeistürmte, wagte nicht, sie anzuschauen oder gar das Wort an sie zu richten. Zu gefürchtet war sie als strenge und mitunter boshafte Herrin, unter deren Launen die Bediensteten litten. Und sie war noch jung, keine fünfundzwanzig Jahre alt und mit ihren langen, gelockten, blonden Haaren und der schlanken Gestalt von engelsgleichem Äußeren. Doch hinter dem anmutigen, unschuldig wirkenden Antlitz verbarg sich eine habgierige und kalte Person.
Ihr Gatte, Walther von Buchenau, war ein willensschwacher, aber überaus reicher Mann und Elisabeth, die die Tochter eines Ritters von niederem Stand war, hatte von dem Moment an, als er ihr vorgestellt wurde, alles darauf angelegt, den Mann zu ehelichen.
Schon nach kurzer Zeit war es ihr gelungen, den schüchternen Edelmann zu verführen und ihn sich hörig zu machen. Die Heirat hatte vor drei Jahren stattgefunden. Doch bislang hatte die junge Herrin ihrem Gemahl noch keinen Erben geschenkt.
Schon bald nach der prächtigen Hochzeit war Walther von Buchenau mit seinem jungen schönen Weib auf einer Reise nach Hersfeld durch eine lichtumflutete Senke inmitten eines Waldes geritten, die den Namen „Grüne Delle“ trug. Dabei passierten sie einen hübschen und über die Maßen gepflegten, einsam gelegenen Hof eines Bauern, der sogleich die Aufmerksamkeit Elisabeths erregt hatte. Das Anwesen mit dem solide gebauten Haupthaus, der großen Scheune, den ansehnlichen Ställen und dem liebevoll gepflegten Garten gefiel ihr so gut, dass sie noch im selben Moment still und heimlich den Entschluss fasste, es sich anzueignen. Und während des Aufenthalts in Hersfeld und auch die Wochen danach war sie durchweg damit beschäftigt, darüber nachzusinnen, wie sie das Gut in ihre Hände bekommen konnte.
Zunächst hatte sie dem Bauern ein Kaufangebot gemacht. Dieser aber, ein selbstbewusster Mann, der den Hof schon seit vielen Dutzend Jahren im Familienbesitz wusste, dachte wie auch sein Weib gar nicht daran, zu verkaufen.
Als Elisabeth voller Zorn einsehen musste, dass ihre Offerten ergebnislos blieben, war sie darauf verfallen, die Eheleute zu drangsalieren. Sie ließ verschiedenste Gerüchte über moralische Verderbtheit der beiden in Umlauf setzen, zweifelte öffentlich ihren Gottesglauben an, gab an, sie würden die Heiligen Messen schwänzen und ließ den Bauern als Betrüger verleumden. Anfangs ertrugen die Eheleute dies stoisch und der Mann wie auch sein Weib durchstanden so manche Verhandlung vor dem Buchenauer Gericht.
Als Walther von Buchenau zu einem Feldzug gerufen worden war, der mehrere Monate dauern würde, gelang es seiner Gattin schließlich, den Streit mit dem Bauern unter Lügen und Meineiden sowie gekauften Zeugen so verdreht vor das Reichskammergericht von Wetzlar zu bringen, dass es zugunsten von Elisabeth von Buchenau entschied und dem Bauern, dessen Weib mittlerweile vor Gram gestorben war, den Hof absprach. Noch am selben Tag ließ die Buchenauerin den Mann mit bewaffneten Knechten von seinem Hof vertreiben. Er aber hatte sich zur Wehr gesetzt, wüste Beschimpfungen ausgerufen und kundgetan, den Hof wieder erlangen zu wollen. Dies berichteten die Knechte der Burgherrin sogleich und Elisabeth von Buchenau zögerte nicht lange. Sie ließ den Heimatlosen fangen und in den Keller von Buchenau werfen, wo er seitdem im Angesicht der reichhaltigen Essensvorräte angekettet lag.
Dass ihr Gemahl weder über die Hohe noch die Niedere Gerichtsbarkeit verfügte, hatte Elisabeth herzlich wenig gekümmert. Ein Bauer, für den niemand wagen würde, einzustehen, war für sie ein leichtes Spiel. Zudem war sie der festen Überzeugung, dass Regeln und Verbote nur für Menschen unterhalb ihres Standes Geltung hatten.
Schon seit mehreren Wochen hatte der Bauer nun im Keller geschmachtet, doch seinen Widerstand hatten weder Peitschenhiebe noch mehrfaches Hungern brechen können. Auch als sie den Unglücklichen krummschließen ließ, so dass er vor Schmerzen schrie, beharrte er darauf, alles dafür zu tun, den Hof wieder zu erlangen.
Vor bald zwei Wochen war sie zuletzt im Keller gewesen. Der Bauer hatte sie aus stumpfen Augen angeblickt. Mit hochmütiger Miene hatte sie ihm angeboten, wenn er sie als seine Herrin anerkennen würde und den Anspruch auf den Hof aufgäbe, käme er noch am selben Tag frei, solle ordentliche Kleidung erhalten und reichlich Proviant aus der Burgküche mitnehmen können. Doch der Mann hatte lediglich wortlos vor ihr ausgespuckt.
Daraufhin hatte sie angeordnet, ihn von Stund an ohne Nahrung zu lassen, auf dass er mit den Essenvorräten vor Augen „verkommen solle“. Doch als sie die Stufen zu ihrem Gemach im Wohnturm hinaufgestiegen war, da war eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Wut über die Unbeugsamkeit des Mannes in ihr aufgestiegen. In den folgenden Nächten hatte sie kaum Schlaf gefunden und war darob noch böser und launischer ihrem Gesinde gegenüber gewesen.
Heute Morgen nun war ihr von einem fürstlichen Boten die Nachricht übermittelt worden, dass ihr Gemahl, Walther von Buchenau, vom siegreichen Feldzug heimkehren werde. Er werde schon heute oder spätestens morgen auf der Burg eintreffen.
Elisabeth hatte sich deshalb von ihrer Zofe ihr schönstes Kleid, das in reinem, leuchtendem Weiß gehalten war, anlegen lassen. Wie eine Fee, so wollte sie ihrem Ehemann bei seiner Heimkehr gegenübertreten. Eine Fee, die willig war, ihm im Schlafgemach die höchsten Genüsse zu bereiten und endlich den ersehnten Erben zu schenken.
Doch dann war ihr unvermittelt der Gefangene wieder in den Sinn gekommen. Fieberhaft hatte sie überlegt, wie sie sich dieses Problems entledigen könnte. Schließlich war sie zu dem Schluss gekommen, ihm neben Nahrung, Kleidung und freiem Geleit auch einen Beutel mit Münzen anzubieten. Dies würde er kaum ablehnen können.
Gleich danach war sie in ihrem feenhaften Kleid gemessenen Schrittes zum Vorratskeller hinabgestiegen. Sie hatte erwartet, einen kraftlosen, beinahe verhungerten und gebrochenen Mann vorzufinden. Und in der Tat war der Bauer durch den Entzug von Nahrung und Wasser mehr tot als lebendig. Als sie aber in ihrem prächtigen Kleid vor ihm stand, war sie nicht dazu gekommen, das Wort an ihn zu richten. Mit dunklen Augen, die tief in den Höhlen lagen, hatte er sie nur kurz angesehen und sogleich mit hasserfüllten Worten, die ihr durch Mark und Bein drangen, den Fluch ausgesprochen.
Nun stand Elisabeth von Buchenau schwer atmend in ihrem Gemach. Sie hatte alle Dienstboten barsch davongeschickt. Tiefes Grauen ob des Fluchs durchfuhr sie und ließ sie am ganzen Körper zittern und frieren. Sie bemühte sich, die Worte des Bauern als bedeutungsloses Stammeln abzutun, doch gelang ihr dies nicht. Sie trat an das Kaminfeuer, aber die lodernden Flammen spendeten ihr heute keine Wärme.
Verzweifelt ballte die Burgherrin die Fäuste. Nicht nur der Fluch ängstigte sie. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihr Gemahl nach Hause kam. Wenn er erfuhr, wie grausam sie den Gefangenen hatte peinigen lassen, dann würde er sie trotz seiner Schwachheit zur Rechenschaft ziehen. Mit Schrecken dachte sie daran, dass er sie deswegen sogar verstoßen könnte.
Schließlich fasste sie einen Entschluss und rief nach einem der Knechte. Der Mann trat mit furchtsamer Miene und mehrfachen Verbeugungen ein. Elisabeth befahl ihm, den Bauern sogleich freizulassen, ihm frische Kleider, Wasser, reichlich Nahrung und drei Silberpfennige zu geben und ihn danach so rasch wie möglich fortzuschaffen. Als der Knecht gegangen war, atmete sie erleichtert auf. `Der Fluch wird mich nicht treffen, wenn der Mann wieder in Freiheit ist´, dachte sie. `Mein Gemahl wird es mir nachsehen, denn der Hof bleibt im Besitz der Buchenauer.´
In ihrer Erleichterung ließ sie sich einen Krug mit rotem Wein bringen. Als die Zofe den tönernen Becher eingeschenkt hatte, hob Elisabeth das Gefäß an die Lippen. Im selben Moment trat der Knecht in ihr Gemach. „Verzeiht, Herrin, doch der Gefangene wurde soeben tot im Kerker aufgefunden. Der… der Tote hat ein vor Wut verzerrtes Antlitz und seine Fäuste sind so fest geballt, dass niemand sie lösen kann…“
Ein lauter Entsetzensschrei entfuhr Elisabeths Lippen. Der Becher fiel aus ihrer Hand und zerbrach auf dem gemauerten Boden. Der Wein spritzte auf und befleckte das weiße Kleid. Gurgelnd, mit verzerrtem, kalkweißem Gesicht und weit aufgerissenen Augen griff sich die Burgherrin an die Kehle, als bekäme sie keine Luft mehr. Rotwein, mit Speichel vermischt, tropfte von ihrem Kinn und besudelte das festliche Gewand.
Ungläubig sahen die Zofe und der Knecht, wie Elisabeth von Buchenau zu Boden sank. Ein letztes Keuchen, dann lag sie regungslos auf dem Rücken. Ihre weit aufgerissenen Augen starrten blicklos ins Leere.
Obwohl alle Fenster verschlossen waren, fegte unerwartet ein eiskalter Wind durch die Kemenate und wirbelte feinen Staub auf. Ein unheimliches, hämisches Kichern erfüllte im selben Moment die Kammer, so dass Knecht und Zofe erschrocken zusammenzuckten. Mit entsetzter Miene verfolgten sie, wie sich der Wirbelwind, so schien es, über der toten Elisabeth von Buchenau sammelte. Mit lautem Knall flog ein Fenster auf, als habe eine unsichtbare Kraft es von innen geöffnet. Die Zofe schrie angstvoll auf.
Von Grauen geschüttelt, sahen sie und der Knecht, wie sich der Leichnam der Burgherrin vom Boden erhob, scheinbar mühelos zu schweben begann und sich dabei unablässig um sich selbst drehte und auf das geöffnete Fenster hinzubewegte. Als die tote Burgherrin dort hinausgezogen wurde, war ein schmatzendes Geräusch zu vernehmen.
Die Zofe konnte den Anblick nicht mehr ertragen. Sie verdrehte die Augen und brach ohnmächtig zusammen. Der Knecht aber überwand seine Furcht und stürzte an das Fenster. Fassungslos sah er, wie der sich drehende Leichnam vom Wind rasch davongetragen wurde, bis er in den tiefhängenden grauen Wolken verschwunden war.