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Leseprobe
Band 5 / Im Auge des Sturms

5. Oktober 1391, Gerichtsstätte des Probstrichters von Geisenfeld
Die Gerichtsverhandlung war soeben zu Ende gegangen und die Zuschauermenge zerstreute sich. Obwohl der Oktober schon angebrochen war und ein kalter Wind über das Land strich, hatte die Verhandlung nicht im Amtsgebäude des Probstrichters stattgefunden, sondern auf einer Wiese unweit der Hochstatt, der Hinrichtungsstätte.
Der Richtertisch, der unter einem mächtigen Lindenbaum aufgebaut war, wurde gerade von Knechten zerlegt und auf einen Leiterwagen geladen. Der Probstrichter selbst, ein untersetzter Mann mit ergrauenden Haaren, war gleich, nachdem die Verhandlung ihr Ende gefunden hatte, auf sein Ross gestiegen, um nach Geisenfeld zurück zu reiten. Auch die Cellerarin des Klosters, Schwester Benedikta, hatte sich mit ihrer Begleiterin, einer jungen Ordensfrau, bereits auf den Rückweg in die Abtei gemacht.

 

Agnes Pfeifer, eine junge Bäuerin aus Nötting, hakte sich fröstelnd bei ihrem Ehemann Alberto unter. „Dank sei Gott, dass dich der Probstrichter abermals freigesprochen hat“, sagte sie erleichtert. „Niemand, der bei wachem Verstand ist, glaubt den Anschuldigungen, du habest ungerechtfertigt im Klosterwald Bäume heimlich geschlagen und abtransportiert.“ „Ja“, erwiderte Alberto mit verbitterter Stimme. „Doch dereinst wird es soweit sein, dass man mir nicht mehr traut. Sieh dich um, die Menschen hier in Geisenfeld und auch in Nötting wollen bald nicht mehr viel mit uns zu tun haben. Das Gift der steten Verleumdung zeigt allmählich Wirkung.“ Agnes blickte unauffällig um sich. In der Tat hatten die Bürger von Geisenfeld während der Verhandlung Abstand von ihr gehalten. Auch jetzt, beim Nachhauseweg, waren die Nachbarn aus dem kleinen Ort, die ebenfalls der Verhandlung beigewohnt hatten, schnell davon gegangen und hatten deutlich Distanz gewahrt. „Der neue Probstrichter ist ein gerechter Mann und Äbtissin Ursula vertraut dir und mir unverändert“, versuchte Agnes ihren Mann zu trösten. „Die Anschuldigungen werden auch fürderhin ohne Folgen bleiben.“

 

Sie zog ihren dünnen Mantel enger zusammen, als eine kalte Böe einsetzte. Zahllose Blätter taumelten im Wind. Alberto blieb stehen. „Als mich die Äbtissin im vergangenen Jahr nach den schlimmen Ereignissen hier im Markt mit klingender Münze entschädigte und uns gar zwei Äcker wie auch ein Waldstück zur Bewirtschaftung überließ, war ich froh. Als wir heirateten und ich den Namen deiner Familie annahm, war ich glücklich; wähnte mich hier heimisch und angenommen. Als vor wenigen Wochen unser Sohn Georg geboren wurde, kannte mein Glück keine Grenzen. Deine Eltern standen uns stets bei. Doch nun habe ich Angst, dass diese niederträchtigen Anschuldigungen weitergehen und uns bald niemand mehr glaubt und hilft.“ Agnes legte ihren Kopf auf seine Brust. „Ich weiß“, sagte sie leise. „Doch wir dürfen nicht aufgeben. Einst wird es sich zum Guten wenden. Vertrau auf den HERRN.“ Alberto sagte nichts, sondern schlang seine Arme um sie.

 

„Lass uns gehen“, fuhr Agnes nach einer Weile fort. „Es ist Zeit, die Futterrüben einzubringen. Unsere Rinder und Schweine brauchen sie für den nahenden Winter. Und die geschlagenen Bäume liegen noch im Wald. Zudem müssen Sägen und Äxte geprüft und geschärft werden. Denk auch an das Geschirr und die Ketten für das Holzrücken mit den Pferden.“ „Ja“, sagte Alberto. „Lass uns gehen. Der kleine Georg wird Hunger haben.“ Agnes hakte sich wieder unter und sie gingen nach Nötting zurück. Als sie die Hauptstraße entlangliefen, bemerkten sie, dass die wenigen Nachbarn, die bei der kalten Witterung noch draußen waren, die Köpfe zusammensteckten und miteinander tuschelten. Agnes und Alberto grüßten. Nur zögerlich erwiderten die Dorfbewohner den Gruß.

 

Agnes und Alberto lenkten ihre Schritte von der Straße nach rechts zum elterlichen Hof von Agnes. Dieser bestand aus einem dreiseitigen, ganz aus Holz erbauten Anwesen. Das langgestreckte Wohngebäude ging in einen Stall über. An dessen Ende wölbte sich ein gemauerter Bogen, der nur so breit war, dass ein Mann mit einer Schubkarre hindurchpasste. Der Bogen stellte die Verbindung zur Scheune her, die den Hintergrund des Hofes bildete. Rechter Hand gegenüber dem Haupthaus stand ein schmaler Hühnerstall. In der Mitte des Hofes wuchs ein stattlicher Kirschbaum unweit eines Brunnens. Auch er hatte schon die meisten der Blätter verloren. Als die beiden jungen Leute die warme Wohnstube betraten, legte die Mutter von Agnes ihr Nähzeug zur Seite, erhob sich und eilte ihnen entgegen. „Gott sei es gedankt, dass ihr beide wohlbehalten zurückgekommen seid. Also hat der Probstrichter dich freigesprochen, Alberto.“ Dieser nickte. „Ein weiteres Mal, ja. Doch wie lange mag dies so gehen? Was, wenn noch mehr solche haltlosen Verdächtigungen geschehen und unser Ruf in ganz Geisenfeld zugrunde gerichtet wird? Des Ausstoßens schwerer Beleidigungen wurde ich bezichtigt wie auch, den Gottesdienst zu schwänzen oder Grenzsteine zu verrücken. Jetzt war es die Anklage, Bäume des Klosterforsts widerrechtlich gefällt und gestohlen zu haben. Was kommt als Nächstes? Dass ich meine Notdurft in der Klosterkirche verrichte?“
„Der neue Probstrichter Kresser ist ein guter Mann“, erwiderte Berta Pfeifer. „Wie jedermann weiß, führt die Verhandlungen gerecht und wägt alles ab. Seit seinem Eintreffen in Geisenfeld spricht er immer am fünften Tag des Monats Recht, nicht mehr wie früher Richter Frobius, der den sechzehnten Tag bestimmte. Damit zeigt er auch, dass er anders ist als sein ruchloser Vorgänger.“

 

„Wir wissen, wer hinter all den falschen Behauptungen steckt“, fügte Agnes mit bitterer Stimme hinzu. „Stephan Wagenknecht und sein Vater Herbert. Sie haben uns nie verziehen, dass wir dazu beitrugen, dass der alte Wagenknecht im letzten Jahr aus dem Dienst entlassen wurde. Wagenknecht, der ruchlose Verschwörer! Er hätte schon lange zur Rechenschaft gezogen werden müssen, damit dieser Alptraum aufhört. Aber man konnte ihm nichts nachweisen. Und so finden er und sein Sohn nicht nur fortwährend Gehör beim Bürgermeister Weiß, sondern auch genügend zwielichtige Gestalten, die solche falschen Aussagen treffen und als gedungene Zeugen auftreten.“ „Doch wichtig ist für uns, dass im Kloster keine bösen Gerüchte verbreitet werden“, hoffte Agnes. Dann fiel ihr etwas ein und sie schaute suchend umher. „Wo ist Georg?“ Berta Pfeifer zeigte auf ein hölzernes Bettchen, das unweit des offenen Herdfeuers an der Wand stand. „Er schläft noch.“ Agnes ging zum Bettchen und beugte sich darüber. Der Kleine schlief tief und fest. Er verzog den Mund zu einem Grinsen, bewegte die Fäustchen und grunzte leise.

 

„Er muss getauft werden“, sagte Berta Pfeifer mahnend. „Er ist schon bald fünf Wochen alt und es wird Zeit.“ Ihr Mann nickte zustimmend. „Ich weiß“, seufzte Agnes. „Aber die viele Arbeit…“ „Ich bereite alles vor, um das geschlagene Holz aus dem Wald zu holen“, sagte Alberto mit fester Stimme. „Sobald dies erledigt ist, lassen wir unseren Sohn taufen. Die Rübenernte muss warten.“ Er trat aus dem Haus. „Je länger Georg ungetauft bleibt, desto mehr bildet sich neuer Nährboden für weitere böse Gerüchte“, gab Berta Pfeifer zu bedenken. „Es gibt Menschen, die in Alberto noch immer das Kind eines gottlosen Spielmanns sehen. Und Georg als sein Sohn…“ Sie sah ihren Mann vielsagend an. „Ich suche in den nächsten Tagen Pfarrer Niklas auf“, entgegnete Agnes entschlossen. „Und Alberto soll mitgehen. Könnt Ihr die Rübenernte…?“
„Das ist schon gut, Kind“, erwiderte Josef Pfeifer. „Kümmert ihr euch darum, dass Georg bald getauft wird. Alles andere lass unsere Sorge sein.“

 

Alberto ging derweil, tief in Gedanken versunken, unter dem gemauerten Bogen des Hofes hindurch zu dem Häuschen, das er und Agnes seit dem letzten Herbst hinter dem Anwesen ihrer Eltern erbaut hatten. Das Gebäude war im Sommer fertig geworden. Es war ebenfalls ganz aus Holz gefertigt. An das Haus schloss sich rechter Hand eine Scheune an, die für den Truhenwagen und die Gerätschaften gerade ausreichte. Hinter dem Haus, auf der Südseite, befand sich der Garten, in dem nicht nur Haselnussstauden gepflanzt und Kräuterbeete errichtet waren. Alberto hatte mit Hilfe seines Schwiegervaters auch einen Teich für die Haltung von Speisefischen angelegt. Darin tummelten sich Karpfen und Äschen. Besonders stolz war Alberto auf den Stall, dessen Errichtung erst vor wenigen Tagen abgeschlossen worden war. Er war auf einem kleinen Teil der südwärts an den Garten angrenzenden Wiese von einem Zimmermann aus Nötting gebaut worden. Im Stall war genug Platz für zwei Milchkühe wie auch die beiden alten Pferde. Für gewöhnlich waren die Tiere, solange es möglich war, auf der Wiese und wurden erst im späten Herbst in den Stall gebracht. Ein Schöpfbrunnen nebst einer kleinen, von einem Zeltdach geschützten gemauerten Schmiede vervollständigten den Besitz. Zu den Flächen, die Alberto im Herbst des letzten Jahres vom Kloster zur Bewirtschaftung erhalten hatte, gehörte ein Stück Wald von etwa fünf Tagwerk und zwei Äcker. Auf den Äckern bauten er und Agnes Rüben und verschiedene Getreidesorten wie Emmer, Roggen und Hafer an. Im vergangenen Winter indes war es so gewesen, dass schwere Schneefälle und Windbruch dafür gesorgt hatten, dass eine große Anzahl von Bäumen gefällt werden mussten. Alberto, sein Schwiegervater sowie die Brüder von Agnes hatten in wochenlanger schwerer Arbeit das Holz gespalten. Es war so viel angefallen, dass es mehrere Winter reichte. Überdies konnte Alberto auch einige Fuder an Geisenfelder Bürger verkaufen.

 

Alberto öffnete das Tor der Scheune, um alles für die Gerätschaften für die Rübenernte zusammenzutragen und den Truhenwagen für das Einspannen vorzubereiten. Da hörte er ein aufgeregtes Hufeschlagen. Jedem anderen wäre dies wohl entgangen, doch Alberto hatte jahrelang im Wald nördlich von Nötting gelebt. Dabei waren seine Sinne geschärft worden. Er schloss die Augen, spitzte die Ohren und lauschte aufmerksam. Kein Zweifel, die Pferde auf der Wiese hinter dem Garten waren ängstlich. Er vernahm ängstliches Schnauben und nervöses Keuchen. Sogar die beiden Kühe hatten sich, soweit er vernahm, davon anstecken lassen. Eilig lief Alberto durch die Scheune und öffnete die hintere Türe, die in den Garten führte. Er wunderte sich, dass Rasso nirgends zu sehen war. Vor drei Monaten hatten Agnes und er den jungen streunenden Mischlingshund aufgelesen. Rasch war es Alberto gelungen, das Tier an sich zu gewöhnen. Rasso betrachtete schnell den Hof als sein Revier, das es zu verteidigen galt. Noch aber hatte er kein ausreichendes Misstrauen gegenüber Fremden entwickelt. Alberto beobachtete, dass sich einige Raben auf dem Dach des Stalls versammelt hatten. Lautes Krächzen und das wilde Schlagen von Flügeln waren zu hören. Eine böse Vorahnung stieg in ihm auf und er beschleunigte seine Schritte. „Rasso!“, rief er. Wie als Antwort flogen zwei Raben auf. Als Alberto sah, was die Vögel angezogen hatte, blieb er wie erstarrt stehen. Das Blut schien ihm in den Adern zu gefrieren. An einem Dachbalken über einer der Stalltüren hing Rasso. Eine dünne Schnur war um seinen Hals geschlungen, die Augen von den Raben schon aus den Höhlen gehackt worden. Die bläuliche Zunge hing dem toten Hund aus dem Hals. Alberto hatte seinen ersten tiefen Schreck überwunden. Langsam trat er näher. Als er den toten Hund erreicht hatte, sah er, dass zwischen die Augenhöhlen des Tieres ein Nagel getrieben war, auf dessen breitem Kopf fein säuberlich ein Pentagramm, ein Drudenfuß, eingeritzt war.

8. Oktober 1391, an Bord der „Gerlinde“
Die Kogge neigte sich zur Steuerbordseite. Lars Olsen, der Steuermann, hielt das Ruder mit eisernem Griff und der Bug des Schiffes richtete sich allmählich von der Küste weg nach Norden. Hubertus und Johannes standen an Deck unterhalb des Kastells und umklammerten gemeinsam das Ende der Backbordschot, die am Unterliek des Segels befestigt war und über einen hölzernen Block lief. Auch die anderen Besatzungsmitglieder hatten ihre Posten eingenommen, bereit, auch den leisesten Befehl des Schiffers sogleich zu befolgen. Niemand sprach ein Wort. An Deck herrschte nahezu gespenstische Stille. Nur das Rauschen der Wellen war zu hören. Auch der Wind hatte nachgelassen. Alle, auch Kapitän Johannson blickten gebannt auf die dunkle Wolkenwand, die sich schwarz und bedrohlich immer weiter auftürmte. Fast schon stand sie über der „Gerlinde“. Auch die dunkelgrauen pilzartigen Wolken waren auf groteske Weise nach oben gewachsen und hatten sich weiter ausgebreitet.

 

„Die Ruhe vor dem Sturm“, murmelte Hubertus. Johannes musterte die Silhouette des fremden Schiffes, die nun deutlich zu erkennen war und immer näherkam. Auch dort war das Segel gerefft worden. Johannes vermeinte, an Deck einige Gestalten hastig umhereilen zu sehen. Der Klumpen, den er im Hals spürte, schien noch größer geworden zu sein. „Sollten wir uns nicht bewaffnen?“, fragte er. „Warum gibt Johannson nicht den Befehl dafür?“ Hubertus schüttelte den Kopf. „Der Schiffer weiß genau, dass wir jede Hand brauchen, um den Sturm abzuwettern. Zudem wäre der Kapitän der Vitalier ein Narr, wollte er versuchen, ein Schiff zu entern, während sein eigenes ums Überleben kämpft. Wir indes sollten uns bereithalten. Gibt Acht, es geht los.“

 

Nur einen Augenblick später hatte sich die Wolkenwand vor die Sonne geschoben. Von einem Moment auf den anderen wurde es dunkel, als sei die Nacht hereingebrochen. Die grauen pilzförmigen Wolken schienen nun direkt über der Kogge zu stehen. Unvermittelt heulte der Wind ohrenbetäubend auf. Ein Ruck ging durch das Schiff, als starke Böen es erneut auf die Steuerbordseite drückten. „Steuermann, auf Kurs bleiben!“, schrie Johannson. „Arne! Arne, du Faulpelz! Mit an das Ruder! Schotmänner, holt das Segel an Backbord dicht! An Steuerbord auffieren! Los, ihr Landratten!“ Hubertus und Johannes zogen mit aller Kraft an der Schot, ebenso wie die Männer über ihnen, die auf dem Kastell standen. Auf der Steuerbordseite ließen die Matrosen die Schot vorsichtig durch die Blöcke gleiten, damit das Segel nicht unkontrolliert umherschlug. Lautes Prasseln ertönte und steigerte sich schnell zu ohrenbetäubendem Lärm. Innerhalb weniger Augenblicke hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Starker Regen rauschte herab und es schien, als hätten sich Regen und Meer rund um das Schiff vereint. Obwohl Johannes und Hubertus vom Deck des Kastells leidlich geschützt waren, fanden die schweren Tropfen bald ihren Weg durch die Planken. Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann waren beide bis auf die Haut durchnässt.

 

Johannes wischte sich die Regentropfen aus den Augen und blinzelte. Zu seinem Schrecken konnte er den Bug der schräg liegenden Kogge nicht mehr erkennen. Für einige Augenblicke verlor er vollständig die Orientierung; wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Dann aber richtete sich das Schiff langsam wieder auf. „So ist es gut!“ Durch das Brüllen des Sturms und das Prasseln des Regens war die Stimme des Schiffers kaum zu verstehen. Schwer setzte der Rumpf der Kogge in die sich auftürmenden Wellen ein. Wieder und wieder drohten die Sturmböen, es zur Seite zu drücken und kentern zu lassen. Noch immer herrschte Dunkelheit, doch hatten sich die Augen von Johannes nunmehr einigermaßen daran gewöhnt. Er konnte schemenhaft den Bug der Kogge ausmachen. Das brachte ihn auf einen anderen Gedanken. Suchend schaute er über die Bordwand, ob irgendwo die Seeräuber zu sehen war. „Wo sind die Vitalier?“ rief er. Hubertus, der mit ihm aus Leibeskräften an der Schot zog, schüttelte nur unwillig den Kopf. Aus den Augenwinkeln sah Johannes durch den dichten Regen einen dunklen Schatten von Backbord. Erschrocken zuckte er zusammen. Im Kielwasser der „Gerlinde“ rauschte das fremde Schiff dicht am Heck der Kogge vorbei. Johannes glaubte, an Deck einige ungläubig dreinblickende Gesichter mit weit aufgerissenen Mündern erspäht zu haben. Doch nur einen Moment später waren die mutmaßlichen Seeräuber hinter der dichten Regenwand verschwunden.

 

Johannes hörte durch das Heulen des Sturms und das Rauschen des Regens aufgeregte Schreie. Sie schienen von überall her zu kommen. Dazwischen erklang Johannsons Stimme: „Schotmänner! Backbordschot auffieren! Steuerbordschot dichtholen!“ Mit zusammengebissenen Zähnen konzentrierte sich Johannes darauf, das dicke Seil langsam und gleichmäßig durch die Finger gleiten zu lassen. „So ist es gut!“, rief der Schiffer. „Jetzt die Schoten festlaschen! Eilt euch, faules Pack! Steuermann, Kurs halten!“ Hastig schlugen Johannes und Hubertus die Schot um die dafür vorgesehenen Pflöcke. „Backbordschot Unterliek festgelascht!“, schrie Hubertus zum Deck des Kastells hinauf. Kurz darauf ertönten die gleichlautenden Rufe der anderen Seeleute, die das Segel bedienten.

 

Johannes atmete auf. Er rieb seine Finger, die von der Anstrengung verkrampft waren. Da hörte er, wie jemand vom Kastell herabkletterte. Es war der Schiffer, der, sich unablässig ausbalancierend, zu ihnen trat. Seine Augen funkelten und obwohl er hart und entschlossen wirkte, schien ein triumphierendes Lächeln seine Lippen zu umspielen. Johannes konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass der Kapitän auf seine Weise die stürmische Fahrt geradezu genoss. „Der Sturm scheint für einige Momente schwächer zu werden!“, rief er. „Wir sind auf stetigem Kurs. Doch wir müssen wachsam sein.“ Er wies nach Westen. „Dort hinten kommt es wieder ganz schwarz. Ich fürchte, es wird noch heftiger als bisher werden. Zudem ist das Schiff dieser Halsabschneider vielleicht noch in der Nähe. Auf meinen Befehl bewaffnet ihr euch!“ Aus dem Laderaum erklang aufgeregtes Wiehern. „Unsere Rösser!“, rief Hubertus. „Bitte um Erlaubnis, nach den Tieren zu sehen.“ Johannson verkniff missmutig das Gesicht. „Verdammtes Vieh!“, zischte er.

 

Nun setzte die Kogge schwer in ein Wellental ein. Während Johannes Mühe hatte, sich festzuhalten, verzogen Hubertus und Johannson keine Miene, sondern standen fest an Deck. Der Schiffer schien nun seine Meinung zu ändern. „Nun gut, schau nach, aber eile dich, bevor der Sturm wieder stärker wird“ knurrte er. „Und mach dich zumindest nützlich! Prüfe, ob die Ladung unter Deck noch sicher verstaut ist.“ Hubertus hob die Hand, zum Zeichen, dass er verstanden hatte, und eilte zu einer der vorderen Luken, die in den Laderaum führten. Als er verschwunden war, fluchte Johannson unvermittelt. „Tod und Teufel, ich bin froh, wenn ihr und eure Weiber samt Kind, Rössern und dem Wagen wieder an Land geht. Ihr stehlt Laderaum und bringt nur Ärger, Verspätung und Unglück.“ Er blickte um sich und winkte dann einem Mann der Besatzung, der unter dem Kastell neben dem Steuermann stand. „Jörn!“ Der Mann drehte sich um. „Hierher!“ Jörn kam gehorsam angetrabt und sah Johannson abwartend an. „Du bleibst bei Johannes am Segel, bis Hubertus dich wieder ablöst! Der schaut gerade im Laderaum nach seinem wurmstichigen Wagen und den lahmen Gäulen, die uns den Platz stehlen.“ Jörn brummte unwillig. Johannes wollte energisch protestieren, doch dann zog er es vor, zu schweigen. Es hatte keinen Sinn, mit dem Schiffer zu streiten. „Sind die Vitalier noch in der Nähe?“, fragte er stattdessen. „Johannson spuckte aus. Der Wind ließ den Speichel in der Luft tanzen und wehte ihn über die Backbordreling hinweg. „Diese Brut hätte uns fast gerammt“, sagte er wütend. „Hoffentlich schickt sie der Allmächtige auf den Meeresgrund. Wenn nicht, dann…“ Er sprach nicht weiter, sondern wandte sich brüsk ab und stapfte zu den Männern an der Steuerbordschot.

 

Johannes holte tief Luft. Verstohlen warf er einen Blick zu Jörn, doch dieser starrte nur finster vor sich hin. Noch immer rauschte der Regen, doch schien er ein wenig nachzulassen. Der Sturmwind wehte von achtern und trieb die „Gerlinde“ nun auf stetigem Kurs gen OstNordOst. Noch immer setzte der Bug der Kogge in die Wellentäler ein, aber das Schiff wurde nicht mehr so stark umhergeworfen. Johannes sah nach Westen. Durch das hohe Kastell konnte er nicht sehr viel erkennen, doch er erblickte eine weitere schwarze Wolkenwand, in deren Inneren Blitze zu toben schienen. Zweifellos stand ein erneutes Erstarken des Sturms bevor. Ob das Schiff auch diesem Angriff der Naturgewalten standhalten konnte? Johannes machte sich Sorgen um Magdalena. Zwar war sie nicht allein in ihrer Kammer, denn Irmingard und Yvain waren bei ihr. Aber sicher würde sie wieder schwer unter der Seekrankheit leiden. Er lauschte. Das Wiehern der Pferde war verstummt. Wie viel Zeit würde Hubertus für das Überprüfen der Ladung brauchen? Sobald er wieder zurück an Deck war, wollte Johannes nach Magdalena sehen. Wie es ihr wohl ging

 

17. Oktober 1391, an Bord des Schiffes „Seefalke“

Der kalte westliche Wind trieb das Vitalierschiff voran. Tief tauchte der Bug in die Wellen ein, doch das Schiff machte gute Fahrt. Vor zwei Tagen hatten sie Norderney passiert und zunächst Kurs auf Scharhörn genommen. Dann aber hatte Godecke Michels befohlen, auf Kurs Nord-NordOst zu gehen. Es hatte leicht zu regnen begonnen. Der Wind trieb die kalten Tropfen, die sich mit der Gischt des Westmeeres mischten, über das Deck. Wer nicht im Krähennest oder an den Segeln eingeteilt war, versuchte, sich unterhalb der Reling oder zwischen den Tauen in einem halbwegs geschützten Plätzchen warmzuhalten.

 

Hubertus aber, der Neuankömmling an Bord, stand aufrecht vor dem Mast des Schiffes und beobachtete die Wellen. Obwohl seine Kleidung vollständig durchnässt war, schien ihm heute weder der kalte Regen, noch der frische Wind oder die Gischt viel auszumachen. Nur eine alte grüne Gugel, die schon mehrfach geflickt worden war, widerstand der klammen Feuchtigkeit und wärmte seinen Kopf. Hubertus hatte das Kleidungsstück vor wenigen Tagen von Magister Wigbold erhalten. „Nimm es, du hast ja scheinbar keine Mütze oder Ähnliches. Hajo ist beim letzten Sturm über Bord gegangen; er braucht sie nicht mehr“, hatte Wigbold gebrummt „Die Gugel ist das Einzige, was von ihm übrigblieb. Und auch nur deshalb, weil sie an der Reling hängenblieb, während er selbst dies nicht vermochte. Wir werden sehen, wie lange du sie trägst.“ Sein Kichern hatte noch lange in Hubertus’ Ohren geklungen.

 

„He, Sven!“, rief unvermittelt eine kehlige Stimme. „Sven Bengtsson!“ Hubertus brauchte einen Moment, bis ihm bewusst wurde, dass er damit gemeint war. `Verdammt´, dachte er, `ich muss mich vorsehen. Ich heiße Sven Bengtsson, solange ich auf diesem Räuberkahn bin.´ Betont langsam drehte er sich um. Zwei der Vitalienbrüder, Pieter und Alfred, waren von ihrem Lager zwischen den Tauen aufgestanden und starrten ihn auffordernd an. Hubertus hatte bereits gehört, dass die Beiden zu den streitlustigsten Seeräubern gehörten. Bisher war es ihm allerdings gelungen, sich nicht in einen Disput hineinziehen zu lassen. Mit Gefangenen, so hieß es, sollten sie nicht viel Federlesesens machen. Manchen Mann hatten sie zu ihrem Vergnügen zu Tode geprügelt. Und auch die neuen Besatzungsmitglieder schlugen sie gerne zusammen, um sich Respekt zu verschaffen, ohne dass ihnen Einhalt geboten wurde.
„Was gibt es?“, fragte Hubertus. Pieter sah Alfred an. „Hörst du das freche Bürschchen, er wagt zu fragen, was es gibt.“ Alfred reckte das bärtige Kinn vor. „Hältst dich für was Besseres, was?“, versetzte er. „Legt sich nicht hin wie wir alle, sondern steht vor dem Mast wie festgenagelt, als könne er jede See abwettern.“ „Festnageln, ja, das wäre das Richtige für den Kerl“, rief Pieter. „Dann macht er sich nicht vor Angst in die Hosen, wenn wir wieder ein Schiff kapern. Oder, Männer?“ Pieter sah auffordernd die anderen Vitalier an. Die meisten von ihnen grinsten in Erwartung einer handfesten Schlägerei, die sie von dem schlechten Wetter ablenken würde.
„Ja, nagelt eine Hand des Neuen an den Mast!“ rief einer. Gelächter folgte. „Festnageln, festnageln“, fielen nun mehrere Stimmen gröhlend ein. „Du!“, rief Alfred und zeigte auf einen grauhaarigen, buckligen Vitalier. „Hol einen Hammer und ein paar lange Nägel!“ Der Mann grinste und humpelte eilig zu einer Luke, die nach unten führte. Hubertus schwieg und sah aufmerksam in die Runde. Die Vitalier begannen nun langsam, einen Kreis um ihn und seine Gegner, Pieter und Alfred, zu bilden. Als Hubertus auf das Kastell blickte, erkannte er dort Godecke Michels und Magister Wigbold, die durch den Tumult aufmerksam geworden waren. Godecke stand breitbeinig mit verschränkten Armen und mit unbewegtem Gesicht da und beobachtete das Geschehen. Wigbold lehnte sich rückwärts an eine große Truhe, die auf dem Kastell stand und verfolgte alles, soweit es unter seiner Kapuze zu erkennen war, mit gespitzten Lippen. Auch die Seeräuber, die an den Segeln eingesetzt waren, schauten neugierig auf Hubertus und seine beiden Gegenspieler.

 

Pieter machte einen Schritt auf Hubertus zu und tat, als wolle er mit der Faust in Hubertus’ Gesicht schlagen. Der aber wich einen Schritt zurück und hob die Fäuste. Pieter lachte keckernd. „Du scheißt dir ja jetzt schon die Beine voll, du Feigling!“, rief er. „Buh!“ Er tänzelte nach vorn und streckte Hubertus die Zunge heraus. „Buh! Buh!“ Beifall heischend sah er umher, bevor er sich wieder Hubertus zuwandte. Dieser machte unter dem höhnischen Gelächter der anderen Seeräuber einen weiteren Schritt zurück. Dabei bemerkte er eine verstohlene Geste, die Pieter zu Alfred machte. Dieser hatte sich seitlich an Hubertus herangepirscht und sprang nun mit einem großen Satz auf ihn zu, um ihn zu Boden zu reißen. Hubertus sah die Bewegung, drehte sich mit einem raschen halben Schritt zur Seite und ließ Alfred ins Leere springen. Er duckte sich und hieb ihm in Windeseile mit der Faust zwischen die Beine. Schwer schlug der Seeräuber auf den Planken auf. Er krümmte sich stöhnend und nach Luft ringend auf dem Deck.

 

Ein kollektives Aufstöhnen des Erstaunens erhob sich. Die Seeräuber sahen sich verblüfft an. Mancher Daumen wurde nach oben gereckt. Pieter war für einen Augenblick fassungslos vor Erstaunen. Dann stieß er einen Wutschrei aus, ballte die Fäuste und stürmte auf Hubertus los. Dieser aber wartete, bis Pieter nahe genug war, stieß sich dann mit dem rechten Bein ab, machte mit dem linken einen Satz nach vorn und donnerte den rechten Fuß von unten in Pieters Kinn. Man hörte einen Knochen krachen und den Getroffenen einen lauten Schrei ausstoßen, während er rücklings auf die Planken fiel. Blut schoss aus Pieters Mund und sein Kinn schien eigenartig verformt. Brüllend vor Schmerz spuckte er Zähne auf das Deck, während er sich am Boden wälzte. Erneut ging ein aufgeregtes Raunen durch die Zuschauer, die kaum glauben konnten, was sie hier sahen.
„Sehr gut, Sven!“, rief einer aus der Menge. Doch im selben Moment hatte Alfred nach Hubertus’ Bein gestoßen. Dieser verlor das Gleichgewicht und taumelte auf die johlenden Vitalier zu, die den Ring um sie gebildet hatten. Hubertus erhielt einen Schlag in die Nieren, der ihm die Luft abschnürte. Zugleich wurde er wieder ins Innere des Rings gestoßen. Er stolperte und fiel keuchend und hustend auf die Knie. Alfred war derweil wieder auf die Füße gekommen. Mit wutverzerrtem Gesicht holte er aus, um Hubertus an die Schläfe zu treten. Dieser aber ließ sich gerade noch rechtzeitig fallen, schwang sein Bein und stieß es in die Kniekehlen des Angreifers. Rücklings fiel Alfred unter dem Aufstöhnen der Zuschauer auf das Deck. Auch er rang nun nach Luft.
Hubertus kämpfte sich hoch, warf sich auf Alfreds Brust. Erste Anfeuerungsrufe ertönten. Hubertus aber schlug mit seinen Fäusten auf Alfreds Gesicht ein, bis dieser, blutüberströmt, keinen Laut mehr von sich gab. Keuchend erhob sich Hubertus unter dem Beifall der übrigen Vitalier, da sah er etwas blitzen. Pieter war wieder auf die Beine gekommen. Er hielt ein Messer in seiner ausgestreckten Faust. Mit einem gurgelnden Schrei lief er schwankend auf Hubertus zu, bereit, ihm die Klinge in den Leib zu stoßen. Dieser hielt für einen winzigen Moment inne, dann trat er dem Seeräuber kräftig mit dem rechten Fuß von unten gegen die Faust. Das Messer flog senkrecht nach oben. Hubertus nutzte den Augenblick und versetzte Pieter einen Magenschwinger. Der sackte in die Knie. Hubertus warf den Kopf nach oben, sah das herabfallende Messer und fing es geschickt auf. Er sprang hinter Pieter, ergriff dessen Haarschopf, riss seinen blutüberströmten Kopf nach oben und hielt ihm das Messer an den Hals.

 

Schlagartig trat Totenstille auf dem Schiff ein. Nur noch das Knarren des Holzes und das Schreien von Möwen war zu vernehmen. Im selben Moment kam der bucklige Vitalier mit dem Hammer und einigen Nägeln zurück. Als er sah, welches Bild sich ihm bot, riss er vor Verwunderung den Mund auf. Hubertus grinste grimmig, als er die gebannt dreinblickende Meute beobachtete. Er ließ den Haarschopf von Pieter los, tätschelte ihm die Wange und beugte sich zu Pieters Ohr hinab. Freundlich lächelnd flüsterte er, so dass nur sein Gegner es hören konnte: „Fürderhin lässt du mich in Frieden. Und du wirst alles tun, was ich dir sage. Alles. Du und ebenso dein Freund. Sonst findet sich jeder von euch mit einer Klinge im Hals als Fischfutter im Meer wieder. Hast du mich verstanden?“ Pieter wagte kaum zu nicken. „Verstanden“, röchelte er leise. Hubertus nickte lächelnd und tätschelte ihn erneut, diesmal beinahe liebevoll. „Gut!“
Er ließ Pieter los, machte eine schnelle Drehung mit dem Oberkörper und warf das Messer zum Mast. Zitternd blieb die Klinge im Holz stecken. Pieter sackte nach vorne und kauerte sich, auf die Ellenbogen gestützt, keuchend auf die Planken. Hubertus richtete sich zu voller Höhe auf und sah sich im Kreise der Vitalier um. Diese starrten ihn anfangs unsicher an. Dann rief einer: „Ein Hoch auf Sven Bengtsson!“ Einige weitere fielen ein. Schließlich rief die ganze Runde: „Hoch Sven Bengtsson! Hoch Sven Bengtsson!“ Hubertus’ Augen blitzen triumphierend, als er sich zum Kastell wandte. Godecke Michels starrte ihn zunächst mit unbewegtem Gesicht an. Dann nickte er anerkennend. Magister Wigbold sah mit einem Mal sehr nachdenklich drein. Da zerriss ein lauter Schrei die Luft. Er kam vom Ausguck im Krähennest. „Handelsschiff voraus!“

9. Oktober 1391, Gefängnis am Starzenbach in Geisenfeld

Der Oberaufseher des Gefängnisses, Laurentius Glöser, der in seiner Amtsstube auf einem Hocker saß, musterte Agnes misstrauisch. „Den Dieb und Betrüger, den wir gestern erst auf Befehl der ehrwürdigen Mutter Äbtissin eingesperrt haben, willst du also besuchen? Er steht unter strenger Bewachung, damit er sich nicht durch dunkle Magie befreien kann, bevor die Verhandlung gegen ihn eröffnet wird. Schließlich ist er ein Gaukler.“
Agnes richtete ihre verweinten Augen auf den Mann. „Ich flehe Euch an, bitte lasst mich zu ihm! Er ist mein Gemahl, Vater unseres Sohnes und gänzlich unschuldig. Alle Behauptungen sind unwahr! Er soll seiner Ehre beraubt werden!“, schluchzte sie. Glöser, ein stämmiger Mann mit vernarbtem Gesicht, schob seinen Helm zurück, kratzte sich am Kopf und knurrte etwas Unverständliches. Agnes griff in die Falten ihres Rocks und zog zwei kleine Münzen hervor. Der Mann hielt die Hand auf. Agnes ließ die Münzen hineinfallen und sogleich waren sie in der Gürteltasche des Oberaufsehers verschwunden. „Gut, aber nur für eine halbe Stunde. Und zwei Knechte werden zugegen sein.“ „Habt Dank, habt Dank“, stammelte Agnes und faltete die Hände vor ihrer Brust. Glösers begehrlichen Blick auf ihre Oberweite versuchte sie, nicht wahrzunehmen. Dieser wiederum rief nach einem Knecht, der vor dem Gefängnis herumlungerte und trug ihm auf, die junge Frau zu den Zellen zu begleiten.

 

Der Knecht führte Agnes durch eine Seitentür der Amtsstube. Dort verlief ein schmaler Gang. Rechter Hand war eine Kammer mit einer Holztüre und schweren Beschlägen. Danach schwenkte der Gang nach rechts und führte zu vier Zellen, deren Boden mit Stroh bedeckt und die mit dicken Gitterstäben und in die Wand eingelassenen eisernen Ringen versehen waren. In jeder Zelle diente ein hölzerner Eimer als Abort. Am Ende des Ganges saß auf einer alten Truhe schon ein anderer Knecht, der einen langen Spieß in der Hand hielt. Agnes kannte ihn. Es war Albert Grimm, ein ehemaliger Angehöriger der Marktwache. Dort hatte man ihn entlassen, weil er als einfältig galt. Nun tat er seinen Dienst im Gefängnis. Mit dem Spieß konnte er jede der rückwärtigen Ecken der Zellen erreichen, die dort errichtet waren. Er hob den Kopf, als er die Neuankömmlinge sah.

 

Nur zwei der Zellen waren belegt. Die ersten beiden Zellen waren leer. In der dritten Zelle erblickte Agnes eine weibliche Gestalt mit zerzausten langen blonden Haaren, die reglos mit dem Rücken zu ihr auf einem mit Stroh gefüllten Sack lag. Ihr blassblaues Kleid war verschmutzt und wies manche Risse auf. In der hintersten Zelle saß ein junger Mann mit gesenktem Kopf auf dem Boden. Er war mit beiden Händen in Ketten geschlagen, die in der dicken Wand eingemauert waren. Agnes brach das Herz, als sie ihren Ehemann in der Zelle sitzen sah. „Alberto!“, rief sie mit zitternder Stimme. Alberto merkte auf. Als er Agnes und den kleinen Georg erblickte, erhob er sich rasch. Sein Gesicht, das angeschwollen war und blaue Flecken hatte, erstrahlte voller Freude. „Agnes, mein treues Weib!“ rief er. Agnes sah, dass die Ketten so kurz waren, dass Alberto gerade aufstehen und zwei oder drei Schritte machen konnte. „Sie haben dich geschlagen!“, sagte Agnes tonlos.
Dann fuhr sie zu dem Knecht herum, der sie hierher begleitet hatte. „Wie konntet Ihr es wagen? Er ist unschuldig!“ Der Knecht sah sie abschätzig an. „Schweig, Weib!“, sagte er ruhig. „Er wollte heute Nacht fliehen und als wir ihn wieder einfingen, tobte er. Es blieb uns nichts anderes übrig.“ Er schaute Albert Grimm an. Dieser versuchte, ein Grinsen zu verbergen. „Genau so hat es sich zugetragen“, bestätigte er. Agnes warf Alberto einen Blick zu. Dieser schüttelte resigniert den Kopf, ohne etwas zu sagen. Angst stieg in Agnes auf. „Was… was wird dir vorgeworfen, Alberto?“, fragte sie leise. „Als die Büttel dich gestern mitnahmen, sagten sie nicht, welche Verbrechen du begangen haben sollst. „Ich soll ehrwürdige Bürger beim Holzverkauf betrogen haben“, antwortete Alberto tonlos. „Sie behaupten, ich habe sie im Wald mit meiner Axt bedroht. Auch soll ich die Brauerstochter Walburga Heindlin verzaubert haben, auf dass sie mir beigewohnt hat. Sie liegt in der Zelle nebenan.“
„Das ist infam!“ rief Agnes schluchzend aus. Alberto hob resigniert die Schultern. „Es wurden auf dem Kleinen Marktplatz, vor der Klosterkirche und auf dem Großen Marktplatz Schriften gefunden, die den Gefangenen dieser Verbrechen bezichtigen“, sagte Albert Grimm. Er stand auf und richtete die Waffe drohend auf Alberto. „Auch die ehrwürdige Mutter Äbtissin hat ein solches Schreiben erhalten, wie man hört. Ein halbes Dutzend Zeugen bestätigt, dass die Anschuldigungen wahr sind. Morgen schon wird der Probstrichter über ihn und das Weib richten. Und es besteht kein Zweifel, dass er den Betrüger und Zauberer wie auch die leichtfertige Brauerstochter verurteilt. Der Carnifex, der in ein paar Tagen in Geisenfeld erwartet wird, hat einen guten Einstand!“

 

Er lachte laut auf. Der andere Knecht fiel ein. Der Carnifex! Agnes wurde vor Schreck leichenblass. Es stimmte also, dass ein Scharfrichter nach Geisenfeld kommen sollte! Schon im Herbst letzten Jahres war das Gerücht im Markt umhergegangen, dass die Oberin des Klosters an höherer Stelle darum ersucht hatte, dem Konvent die Blutgerichtsbarkeit zu übertragen. Da dies nach Menschengedenken noch niemals zuvor geschehen war, hatten nur wenige diesem Gerücht Glauben geschenkt. Doch schien es nun, als sei dem Wunsch entsprochen worden. Und Alberto würde der Erste sein, an dem der Scharfrichter sein blutiges Handwerk ausüben sollte! Agnes wurde schwindelig. Sie schwankte. Nebel verschleierte ihren Blick. Dann verließen sie ihre Kräfte und sie sank ohnmächtig auf den kalten Boden. Den Entsetzensruf von Alberto hörte sie nicht mehr.

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