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Leseprobe
Band 4 / Im Dunkel des Grabes

Golgatha, unweit von Jerusalem, im Herbst des Jahres 44 nach Christi Geburt
Die Sonne, die während des Tages unbarmherzig vom Himmel gebrannt hatte, neigte sich nun auf ihrer Bahn. Hatte gegen Mittag noch flirrende Hitze in Jerusalem geherrscht, so fegte nunmehr ein kalter Wind durch die Gassen. Wolkenfetzen flogen über den Himmel und verdichteten sich allmählich zu einer immer dunkleren Masse. Aus der Stadt heraus bewegte sich eine Menschenmenge den steilen Anstieg hinauf zur Richtstätte, die auf einem Höhenkamm lag. Golgatha, Schädelstätte, so hieß der Ort. Verbrecher wurden hier gerichtet; Mörder, aber auch die Feinde der römischen Besatzer und ihrer Statthalter vor Ort. Herodes Agrippa, der König, der als Marionette Roms eine strenge Herrschaft ausübte, hatte gerade zuvor über einen der Feinde des Imperiums sein Urteil gesprochen. Einen Aufruhr gegen die Besatzungsmacht, so hieß es, habe der Mann angezettelt, kaum dass er von jahrelanger Reise zurückkehrt war. Nach einer Rede war er verhaftet und vor den König gebracht worden. Dort hatte ihn Abiathar, der Hohepriester dieses Jahres, beschuldigt, als Rädelsführer des Aufstands den König von Judaea stürzen und an seiner Statt den Thron besteigen zu wollen. Ein Reich im Namen von Jesus von Nazareth, der vor gut einem Dutzend Jahren als Verbrecher gekreuzigt worden war, habe er errichten wollen. Nach kurzem Prozess hatte ihn der König zum Tod durch das Schwert verurteilt.

 

Nun schritt der Hohepriester, ein hochgewachsener Mann in kostbarem schwarzem, mit Goldstickereien verzierten Ornat, der Menge voran. Mit verächtlich geschürzten Lippen stieg er den steilen Weg bergan. Abiathar war im Volk der Juden als Hohepriester geachtet, aber auch gefürchtet. Mit silbergrauem Vollbart und dunklen Augen, die jedem Betrachter tief in die Seele zu blicken schienen, war er eine beeindruckende Erscheinung. Wenn er mit volltönender tiefer Stimme seine zürnenden Predigten hielt, verstummten alle.
Abiathar war mit sich zufrieden, während er zur Schädelstätte hinaufstieg. Die Verhandlung bei Herodes Agrippa war so verlaufen, wie er es sich gewünscht hatte. „Dieser Mann, ein eifernder Anhänger von Jesus, dem verbrecherischen Aufrührer, predigt wie vormals der selbsternannte Menschensohn!“, hatte der Hohepriester ausgerufen. „Er lästert den HERRN!“ Als König Herodes den Angeklagten gefragt hatte, was dieser zu seiner Verteidigung vorbringen wolle, hatte der Mann seine Augen auf den König gerichtet. „Schon Jesus von Nazareth, unser Erlöser, hat verkündet, dass das Reich Gottes angebrochen ist. Du, Herodes, musst es nur erkennen. Doch bist du blind für die Güte und Menschenliebe Gottes. Nur Gott allein ... “ Ein Soldat hatte dem Angeklagten auf einen Wink des Königs einen kräftigen Schlag mit einem Stock in die Kniekehlen versetzt, so dass der Mann zu Boden gesackt war. Dann hatten sich auf ein weiteres Zeichen des Regenten ein halbes Dutzend Häscher über ihn hergemacht und ihn mit Faustschlägen und Knüppeln traktiert. Der Mann aber hatte sich nicht gewehrt und auch keinen Klagelaut ausgestoßen. Als die Bewaffneten von ihm abgelassen hatten, war er blutüberströmt und reglos am Boden gelegen. Abiathar indes hatte den König erwartungsvoll angeschaut.

 

Herodes Agrippa hatte das Urteil gesprochen und seinen Soldaten mit einer verächtlichen Handbewegung bedeutet, den Angeklagten sogleich zur Hinrichtungsstätte zu bringen, während es Abiathar nur mühsam gelungen war, seinen Triumph zu verbergen. Wieder würde einer der treuesten Anhänger des Mannes aus Nazareth von der Erde getilgt werden. Die Lehre, die diese Apostel, wie sie sich nannten, im Namen ihres toten Anführers verkündeten, war gefährlich. Wie hatte dieser Jesus neben vielem Anderem gesagt? „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Unerhört! Eine gefährliche Konkurrenz für das Priestertum war hier erwachsen, die mit allen Mitteln vernichtet werden musste. Der Todgeweihte mit Namen Jakobus, der nun hinter ihm inmitten der Soldaten schritt, war einer der Gefährlichsten. Boanerges, Donnersöhne, so hatte Jesus ihn und seinen Bruder, einen weiteren Apostel namens Johannes, genannt. Dieser aber hielt sich mit den anderen Anhängern Jesu irgendwo versteckt. Doch auch ihm würden sie habhaft werden, daran bestand kein Zweifel.

 

Hinter dem Hohepriester folgte der Scharfrichter, ein kräftiger Mann mit Namen Marcellus, der ein langes scharfes Schwert trug, mit dem er die Todesurteile zu vollstrecken pflegte. Dahinter ging Josia, ein Knecht Abiathars, und führte den verurteilten Apostel, der einen Strick um den Hals, geschlungen hatte, wie ein Lamm zur Schlachtbank. Immer wieder sah er zu dem Todgeweihten um. Abiathar, der dies bemerkte, runzelte argwöhnisch die Stirn. Es war ihm, also suche Josia die Augen des Verurteilten. Dieser erwiderte den Blick. Und noch etwas dünkte dem Hohepriester eigenartig. Jakobus schlich, obwohl ihn der sichere Tod erwartete, keineswegs demütig hinter Josia her. Auch schienen ihn die Schläge der Häscher nicht ernsthaft verletzt zu haben. Mit wachen Augen, die aus dem geschundenen vollbärtigen Gesicht blitzten, schritt er aufrecht zwischen seinen Bewachern. Diese, an jeder Seite fünf an der Zahl, gingen in voller Rüstung, die Lanzen stolz erhoben.

 

Dem Zug hatten sich schon in den Gassen von Jerusalem ein paar Neugierige angeschlossen. Zunächst war es nur eine Handvoll Menschen gewesen. Doch nach und nach war die Menge größer geworden, bis sie auf mehrere Dutzend angewachsen war. Tagelöhner waren darunter, Kinder und Waschweiber, aber auch angesehene Bürger mit ihren Frauen. Sie folgten alle dem Tross der Bewaffneten. An der Spitze der Menge aber ging eine Frau mittleren Alters mit langen braunen lockigen Haaren, dunklen warmen Augen und feingliedrigen Händen. Unter den fließenden hellen Kleidern ließ sich ihre anmutige Gestalt nur erahnen. Zwei stämmige Männer mit sorgenvollen Gesichtern, die jeweils von kurzgeschnittenen Vollbärten umrahmt waren, folgten ihr. Während die Bewaffneten wortlos marschierten, hatte zunächst unter der Menge, die der Frau und ihren beiden Begleitern folgten, lebhaftes Stimmengewirr geherrscht. Eine Hinrichtung war immer eine willkommene Abwechslung im eintönigen Alltag. Wie mochte sich der Verurteilte verhalten? Würde er um sein Leben betteln? Würde er jammern, wehklagen oder sich mutig in sein Schicksal fügen? Wetten wurden abgeschlossen und manches Gelächter erklang. Doch je weiter sich der Zug bewegte, desto leiser wurden die Stimmen. Besorgte Blicke wurden zum Himmel geworfen, der sich immer mehr verdunkelte. Bedrohlich jagten die schweren Wolken dahin und einer der Neugierigen meinte, so tief und drohend habe er den Himmel seit Jahren nicht mehr gesehen. „Als Jesus von Nazareth gekreuzigt wurde, da war es auch so. Zur neunten Stunde schien es, als breche die Nacht herein. Blitze zuckten, als der Prediger starb. Oh, ...!“ Er hielt sich die Hand vor Augen, denn eine Windhose fegte über den steilen Pfad und blies dem Hohepriester, den Bewaffneten und der nachfolgenden Menge Sand in die Gesichter. Lautes Husten, gemischt mit Flüchen und Verwünschungen ertönten.
Um den Todgeweihten hingegen schienen die umherwirbelnden Sandkörner eigenartigerweise einen Bogen zu machen. Dessen wache Augen schienen zu leuchten. Er drehte sich um und wechselte mit der schönen dunkelhaarigen Frau einen Blick. Auch sie und ihre zwei Begleiter wurden vom Sand verschont. Die Frau breitete die Arme wie zum Gebet und verzog ihren Mund zu einem schmerzlichen Lächeln.

 

Nur wenige Schritte, bevor der Zug die Anhöhe der Schädelstätte erreicht hatte, ertönte am Wegesrand die flehentliche Stimme eines stadtbekannten Lahmen. Er war vor Jahren als unverheirateter junger Mann bei Bauarbeiten am Palast des Königs aus großer Höhe gestürzt und konnte seitdem nicht mehr laufen. Kriechend bewegte er sich voran und bestritt seinen Lebensunterhalt durch Betteln. Er bezog seinen Posten vornehmlich dort, wo er sich die größten Einnahmen erhoffte. Auf dem Weg nach Golgatha war er oft unweit der Stadttore zu finden. So weit oben aber wie dieses Mal hatte man ihn noch nie gesehen. Jetzt rief er: „Hab Erbarmen mit mir, Apostel Jakobus! Meine Beine vermögen mich seit vielen Jahren nicht zu tragen. Meine Kraft schwindet dahin! Hilf mir in meiner Not!“ Während Josia achtlos an dem Bettler vorbeiging, blieb der Angesprochene sogleich stehen. Die Schlinge des Stricks, der um Jakobus´ Hals geschlungen war, zog sich zusammen. Doch kein Laut des Schmerzes kam über die Lippen des Apostels. Josia blieb verwundert stehen, als sich der Strick in seiner Hand straffte. Er zog seinen Dolch und erhob ihn drohend in der Annahme, der Todgeweihte wolle fliehen. Als er aber sah, dass sich der Apostel zu dem Lahmen beugte, der ihm seine Hände bittend entgegenstreckte, ließ er wieder locker. Der Verurteilte legte dem Lahmen nun die rechte Hand auf die Stirn und sagte leise: „Im Namen des allmächtigen Gottes und seines wahrhaftigen Sohnes Jesus: Stehe gesund auf und preise Deinen Schöpfer!“ Kaum hatte der Apostel diese Worte gesprochen, so weiteten sich die Augen des Lahmen voller Überraschung. Zum Erstaunen der Menge, die den Zug begleiteten, begann er, langsam seine Beine zu strecken. Ein ungläubiges Aufseufzen ging durch die Menge. Der Mann wälzte sich auf die Knie und erhob sich schwankend. Ungelenk noch auf den schwachen, zitternden Beinen, starrte er zunächst nach unten, als könne er selbst nicht glauben, dass er ohne Hilfe aufgestanden war. Dann schaute er mit tiefer Ehrfurcht den Todgeweihten an, faltete seine Hände und verbeugte sich tief: „Gott hat mir durch Dich meine Gesundheit wiedergegeben! Ehre sei Gott in der Höhe!“ Er wandte sich an die Menschen, die den Bewaffneten folgten und rief: „Preiset den HERRN! Preiset ihn um seiner Barmherzigkeit und Nächstenliebe willen! Ich kann wieder laufen!“ Er taumelte an der Menge vorbei. Unsicher zuerst, doch dann immer schneller, rannte er den Pfad hinunter nach Jerusalem. Aufgeregtes Stimmengewirr erhob sich. Manche der Neugierigen falteten die Hände und schauten zum Himmel. Nur die anmutige Frau und ihre Begleiter schienen nicht überrascht.

 

Josia hingegen machte große Augen. Ungläubig sah er von seinem Gefangenen zu Abiathar, dessen Gesicht rot vor Zorn angelaufen war. Dann ließ er den Strick los, schleuderte seinen Dolch hinweg und warf sich dem Apostel zu Füßen. „Ich bitte um Gnade vor Gott, Jakobus! Verzeih mir meine Sünden! Ich glaube an Gott, den Allmächtigen und an Jesus von Nazareth, seinen Sohn!“ Abiathar aber eilte sogleich herbei und gab den Bewaffneten einen Wink. Der Scharfrichter ergriff den Strick, den Josia losgelassen hatte und zerrte ruckartig daran, so dass Jakobus zu Boden gerissen wurde.
Abiahtar beugte sich zu Josia und packte ihn am Haarschopf. „Sieh mich an!“, sagte er drohend. Er drehte Josias Kopf zu dem Apostel. „Dies hier ist nur ein Mensch, der im Staub liegt. Ein Hochverräter des Landes Judaea, ein Anhänger der verfluchten Lehre. Wenn Du, Josia, dem Namen Jesus von Nazareth nicht sogleich fluchst, wirst Du zusammen mit dem Aufrührer Jakobus enthauptet werden!“ Josia schwieg einen Moment. Dann sah er Abiathar in die Augen und antwortete: „Hast Du nicht gesehen, was die Gnade und Barmherzigkeit Gottes vermag? Du aber predigst nur einen zürnenden und rächenden Gott. Du selbst und alle Deine Tage sollen verflucht sein. Der Name Jesus aber sei gepriesen in Ewigkeit!“ Abiahtar erstarrte ob dieser Worte. Dann schlug er Josia mit der geballten Faust ins Gesicht, dass dessen Nase mit einem vernehmlichen Knacken brach und das Blut umherspritzte. Keuchend richtete sich der Hohepriester auf. Er winkte den Soldaten. „Schlagt ihn!“ Vier der Bewaffneten stürzten sich auf den Unglücklichen und prügelten ihn, bis er regungslos im Staub lag. Blut floss aus seinen Wunden und sickerte in den Sand. Die übrigen Soldaten hielten ihre Lanzen drohend auf die Menge gerichtet. Niemand wagte einzugreifen.

 

Unterdessen hatte der Wind an Stärke zugelegt. Heulend strich er über die Felsen. Auch war es deutlich kälter geworden. Abiahtar rief: „Es ist Zeit, das Urteil zu vollstrecken! Eilt Euch!“ Der Scharfrichter zog fluchend am Strick. Keuchend und würgend erhob sich der Gefangene mühsam. Auch der leblose Josia wurde von zwei Soldaten hochgezogen und zur Hinrichtungsstätte geschleppt. Inmitten eines großen baumlosen kreisförmigen Platzes, der von hohen Felsen umgeben war, ragten drei mächtige Pfähle auf, die mit vertrocknetem Blut getränkt waren. Auch der gestampfte Boden wies zahllose rostrote Flecken auf. Im Schatten der Pfähle löste der Scharfrichter den Strick, der um den Hals des Apostel hing. Tiefe blutunterlaufene Striemen legten Zeugnis davon ab, wo das Seil den Verurteilten gepeinigt hatte.
„Wer zuerst?“ fragte er den Hohepriester. Abiathar wies auf Josia. „Dieser Wurm soll als Erster in den Staub!“ Die zwei Soldaten ergriffen die Arme des Unglücklichen und setzten ihn auf. Da erklang die Stimme von Jakobus. „Scharfrichter, ich erbitte Wasser.“ Der Scharfrichter, verwundert, dass Jakobus noch so deutlich sprechen konnte. sah Abiathar an. Dieser schaute zu Jakobus, dann zuckte er mit den Achseln. „Der letzte Wunsch sei ihm gewährt.“ Der Scharfrichter nahm eine kleine Amphore, die er an einem geflochtenen Lederriemen um den Leib geschlungen hatte, erbrach den wächsernen Verschluss und reichte sie dem Apostel. Dieser schüttete etwas Wasser in die Innenfläche seiner rechten Hand, wandte sich an Josia und sagte: „Josia, sieh zum Pfahl, der in der Mitte steht.“ Josia folgre der Aufforderung und richtete seine beinahe zugeschwollenen Augen darauf. Jakobus aber goss, noch bevor die Soldaten eingreifen konnten, das Wasser auf die Stirn von Josia und rief mit lauter klarer Stimme: „An dieser Stelle, an der unser Erlöser für unsere Sünden gestorben ist, taufe ich Dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“

 

Sogleich schlug ihm ein Soldat mit seiner Lanze die Amphore aus der Hand und trat ihm in die Seite, so dass er zu Boden fiel. Ein anderer Bewaffneter hielt ihm die Lanzenspitze an die Kehle. Josia aber hatte sein angeschwollenes Antlitz auf den Mittleren der Pfähle gerichtet.
„Töte ihn!“ Der Befehl von Abiathar war kaum ausgestoßen, schon rollte das Haupt von Josia im Sand. Die Soldaten, die noch immer die Arme des kopflosen Rumpfes hielten, hatten Mühe, den zuckenden Korpus zu halten. Schnell aber erschlaffte er und die Bewaffneten ließen ihn achtlos fallen.
Ein Raunen ging durch die Menge. Der Wind steigerte sich zur Sturmstärke. Nun zuckten auch Blitze zwischen den schwarzen Wolken und erstes Donnergrollen ertönte. Einige der Neugierigen zogen es vor, sich mit angstvollen Blicken zum Himmel eilends auf den Rückweg zu machen. Die anmutige Frau aber und ihre Begleiter waren wie versteinert stehen geblieben, die Augen fest auf das Geschehen gerichtet.

 

„Nun er!“ Abiathar hob den Arm und zeigte auf Jakobus. Dieser schüttelte die Soldaten ab, die nach ihm greifen wollten. Er kniete sich auf den Boden, faltete die Hände und sah zum schwarzen, drohenden Himmel. „Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Kaum waren die Worte im Heulen des Windes und Grollen des Donners zu verstehen.

 

Ein schneller kräftiger Hieb mit dem Schwert und der Kopf des Apostels fiel zu Boden. Im selben Moment erlosch der Sturm. Kein Windhauch mehr war zu spüren; alles war totenstill. Die Menge stöhnte erschrocken auf. Ungläubige Blicke wanderten hin und her. Plötzlich zuckte ein gewaltiger Blitz vom Himmel und schlug inmitten der Schergen auf dem Boden ein. Die Bewaffneten wurden durch die Wucht des Einschlags hinweg an die nahen Felsen geschleudert. Abiathar aber, der dem Blitz am nächsten gestanden hatte, blieb für einen Augenblick stehen, als sei er wie Lots Weib viele Generationen zuvor zur Salzsäule erstarrt. Dann verzerrte sich das Gesicht des Hohepriesters in tiefstem Entsetzen und er riss den Mund auf, als wolle er schreien. Doch statt eines Rufs schoss ein Feuerschwall aus dem weit geöffneten Rachen. Abiathars Körper erbebte. Dichter schwarzer Rauch stieg aus seinen prächtigen Kleidern auf. Einen Augenblick später stand der Hohepriester zur Gänze in Flammen. Jetzt erst ertönte ein schriller Laut, einer menschlichen Stimme kaum ähnlich. Unsagbares Entsetzen erfasste die Neugierigen. Krachender Donner übertönte die Schreckensrufe der Zuschauer. Die Menge wich heulend vor Angst vor der menschlichen Feuersäule zurück, die jetzt auf sie zu taumelte.
Dann aber blieb der Todgeweihte stehen. Verzweifelt reckte der Hohepriester die Hände zum Himmel, wo noch immer Blitze zuckten. Er schrie vor Schmerzen, doch der fortwährende Donner übertönte ihn. Der lichterloh brennende Abiathar wankte noch ein paar Schritte, drehte sich um die eigene Achse und brach zusammen. Wer aber nun erwartet hatte, dass die Flammen noch einmal auflodern würden, sah sich getäuscht. Die Gestalt des Hohepriesters fiel in sich zusammen, das Feuer erlosch und dichter schwarzgrauer Qualm stieg auf. Als sich der Rauch verzogen hatte, war an der Stelle, an der sich die Überreste des Toten befinden sollten, nur ein großer dunkler Fleck auf dem Boden zu sehen, der durchdringend nach Schwefel stank.

 

Die anmutige Frau sank auf die Knie, die Augen auf den mittleren der Pfähle gerichtet, und begann zu beten. Ihre zwei Begleiter taten es ihr gleich.
Alle anderen aber wurden vollends von blankem Entsetzen erfasst. Die ersten Zuschauer eilten sich, schreiend zu fliehen und sogleich schlossen sich alle anderen an. Nur fort von hier! Weg von diesem Ort, an dem der allmächtige Gott wahrhaftig die Hinrichtung des Apostels gesühnt hatte! Die Menge floh Hals über Kopf, so schnell sie konnte, zurück zur Stadt.
Auch die Bewaffneten, die sich schmerzverzerrt gemüht hatten, wieder auf die Beine zu kommen, hatten das Ereignis, erfüllt von tiefstem Schrecken, verfolgt. Sie ließen ihre Waffen fallen und rannten oder humpelten den Fliehenden nach. Der Scharfrichter aber lehnte mit weit aufgerissenen Augen tot an einem Felsen, von seinem eigenen Schwert durchbohrt. Eine große Blutlache breitete sich unter ihm aus. Langsam verhallte der Donner.
Als an der Richtstätte Stille eingekehrt war, stand die Frau wieder auf. Sie schaute zum Himmel. Die schweren dunklen Wolken hatten sich verzogen. Nur noch wenige graue Fetzen jagten über das blaue Firmament. Die Frau ließ ihren Blick über die Hinrichtungsstätte gleiten. Sie ging zum Leichnam des Josia, nahm den Kopf, der einige Ellen neben dem Korpus lag und legte ihn vorsichtig an den verstümmelten Körper. Sie zeichnete daneben mit dem Finger die Silhouette eines Fisches in den Sand, dann richtete sie sich wieder auf.
Mittlerweile waren auch die beiden Männer aufgestanden. Sie traten zum Leichnam des Apostels und starrten voller Trauer auf den Enthaupteten.

 

Die Frau wandte sich den Männern zu. „Theodorus! Athanasius!“ Die beiden Männer blickten auf. Die Frau zeigte auf den toten Jakobus. „Tut es mir gleich“, sagte sie mit sanfter, dunkler Stimme. Theodorus und Athanasius taten, wie ihnen geheißen. Sie hoben den Kopf des Apostels auf und legten ihn an den Rumpf, so dass ein flüchtiger Beobachter kaum erkennen mochte, dass der Jünger Jesu enthauptet worden war.
Die Frau kniete sich neben den Toten, legte ihm die Hand auf die Brust und richtete ihre Augen zum Himmel. Leise, so dass ihre Begleiter die Worte nicht verstehen konnten, sprach sie: „Barmherziger Gott, ich bete zu Dir. Ich habe deinem Sohn, dem Mann aus Nazareth mit meinen Tränen die Füße gewaschen, sie mit meinen Haaren getrocknet und gesalbt mit kostbarem Öl. Er vergab mir all meine Sünden. Er heilte meine Schwester und erweckte meinen Bruder von den Toten.“ Für einen Augenblick hielt sie inne, bevor sie weitersprach. „Ich sah, wie ihn die Häscher an das Querholz schlugen, hinaufzogen und kreuzigten; wie der Hauptmann Longinus mit der Lanze seine Seite durchstach. Ich stand vor seinem leeren Grab und mir erschien er nach seiner Auferstehung. All das ist viele Jahre her. Ich habe erlebt, wie seine Apostel verfolgt wurden. Ich sah, wie Furcht und Vertreibung das Land Judäa überzogen. Und nun habe ich den Tod eines seiner treuesten Jünger gesehen. Der Tag ist nahe, da viele von ihnen das Martyrium erleiden. Diejenigen, die überleben, werden in alle Winde verstreut.“ Sie zögerte. „Ich fühle, der Tag ist nahe, da auch ich von hier ziehen werde, gen Westen. HERR, weise mir Deinen Weg und gib mir auf, was zu tun ist.“ Sie schloss die Augen, als lausche sie einer Stimme, die nur sie zu hören imstande war. Dann nickte sie gehorsam. Gespannt sahen die beiden Männer sie an.

 

Die Frau erhob sich und ließ ihren Blick zum Horizont schweifen, wo sich im Westen die untergehende Sonne im Meer spiegelte. Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. In einer kleinen Bucht schienen sich die Strahlen der Sonne zu bündeln. Es war, als lodere auf den Wellen ein Feuer.
Sie hob den Arm und zeigte auf die Bucht. Die Augen von Theodorus und Athanasius folgten ihr. „Der Scharfrichter soll den Hunden überlassen werden, die des Nachts hierher kommen. Den Leib des Josia begrabt hier abseits der Schädelstätte und betet für ihn. Heute Nacht aber, nach Einbruch der Dunkelheit, bringt die sterbliche Hülle des Jakobus in diese Bucht dort. Ein Schiff wird Euch erwarten. Fragt nicht, wer es steuert. Fragt nicht, wohin es segelt. Vertraut auf den HERRN. Wo das Schiff nach langer Fahrt anlandet, wird ein Karren stehen, vor den Stiere eingespannt sind. Ladet den Leib des Apostels darauf und fahrt damit ins Landesinnere. Lasst Euch nicht durch Verwicklungen und böse Befehle von Königinnen oder anderen Despoten in die Irre führen. Folgt unentwegt eurer Bestimmung. Wo die Stiere keinen Huf mehr vor den anderen setzen, da hebt ein Grab für Jakobus aus. Kleidet es mit dem Marmor aus, den Ihr dort finden werdet. Bestattet ihn darin und bewacht fortan seine Ruhestätte. Denn ihr werdet nicht zurückkehren, Eure Heimat nicht wiedersehen.“ Die beiden Männer blickten bestürzt drein. Einer wollte etwas erwidern, doch die Frau machte eine beruhigende Geste. „Habt keine Furcht, was immer Euch auch widerfahren mag. Gott wird Euch schützen. Geht hin in Frieden.“
Theodorus und Athanasius sahen die Frau ergriffen an. Dann sanken sie auf die Knie und neigten ihre Häupter zum Zeichen der Zustimmung. „Der HERR hat durch Dich gesprochen, Apostelin aller Apostel“, sagte Theodorus. „Wir werden alles tun, wie es bestimmt ist.“
Die Frau sah von einem zum anderen. Dann schenkte sie ihnen ein wehmütiges Lächeln und hob die Hand zum Abschied. Sie wandte sich gen Jerusalem und schritt langsam davon. Und als die beiden Männer ihr nachschauten, da schien es ihnen, als sei die Jüngerin von einem eigentümlich warmen Licht umgeben.

9. Juli 1391, Navarrenx
Die Messe in der Kirche Saint-Germain war vorüber. Die Gläubigen strömten aus dem Gotteshaus. Manche von ihnen sammelten sich abseits des Kircheneingangs und hielten ein Schwätzchen, tuschelten über das Aussehen und Gehabe ihrer Mitbürger, lauschten den Neuigkeiten oder trugen stolz ihre Kleider zur Schau, um den Neid der weniger Begüterten zu erregen. Bettler hielten ihre hölzernen Schalen bittend hoch, um von den Kirchgängern ein paar Münzen als Almosen zu erhalten.
Johannes, Magdalena, Irmingard und Felipe verließen mit der Schar der Gottesdienstbesucher die Kirche. Langsam bahnten sie sich einen Weg durch die Menge hindurch, ohne sich aufzuhalten und strebten der Herberge zu. Johannes sah prüfend zum strahlend blauen Himmel. Kein Wölkchen war zu sehen. Er ahnte, dass es heute wieder ein heißer Tag werden würde. War es in der Kirche noch angenehm kühl gewesen, so spürte er schon jetzt die beginnende Hitze.

 

Mit einem Mal stutzte er und drehte sich suchend um. Sein Blick glitt über die Menschenmenge. Wo waren seine Begleiter geblieben? Er hatte sie in der Masse der Gläubigen verloren. Da spürte er, wie ihn jemand am Ärmel zupfte. Er wandte den Kopf und erschrak. Unmittelbar vor ihm stand ein alter Mann in der verschlissenen und verdreckten Kutte eines Dominikanermönchs. Sein von der Sonne gebräuntes faltenzerfurchtes Gesicht war von schlohweißem Haar und Bart eingerahmt. Sein halbgeöffneter Mund, dem ein kaum erträglicher Gestank entströmte, enthüllte schwarze und verfaulte Zähne. Am unheimlichsten aber waren seine Augen. Es waren die weißen Augen eines Blinden, die den jungen Mönch anstarrten.
Johannes wollte sich losmachen, doch mit überraschend festem Griff packte ihn der Alte am Unterarm. „Du Narr! Du Tor! Im Dunkel des Grabes wird Böses geschehen! Im Dunkel des Grabes ist das Ende aller Pilgerfahrten nahe! Vergebens ist dein Weg!“
Einige der Kirchenbesucher waren aufmerksam geworden und stehengeblieben. Neugierig schauten sie auf den alten Mann und den Pilgermönch. Leises ehrfürchtiges Getuschel erhob sich, während Manche verstohlen auf den Alten zeigten. Offenbar war der Mann in Navarrenx kein Unbekannter.

 

„Wer … wer seid Ihr?“ stammelte Johannes verwirrt. Der Alte legte den Kopf schief und schien den jungen Mönch mit seinen blinden Augen aufmerksam zu mustern, ohne jedoch den eisernen Griff zu lockern. Mit der freien Hand griff er in den Schopf von Johannes und tastete mit seinen schmutzigen Fingern in dessen Gesicht. „Lass ab, Bruder!“, sagte Johannes angewidert.
Und wirklich ließ der Alte seine Hand sinken. Er flüsterte überrascht: „Ein Benediktiner vorgeblich! Doch stammst Du aus dem Norden! Im Reich der Margarethe liegt Deine Heimat! Nein, mehr noch, du … du bist … fürwahr …“ Verwirrt hielt er inne. Immer mehr Neugierige hatten sich unterdessen um Johannes und den seltsamen Alten versammelt. Auch Felipe, Irmingard und Magdalena waren nun herbeigekommen. Als Felipe sah, dass der alte Mann noch immer den Arm des jungen Mönchs hielt, gab er Magdalena und Irmingard ein Zeichen, zurückzubleiben, drängte sich durch die Menge und tippte den alten Mönch an der Schulter. „Nimm Deine Hand von unserem Freund!“, befahl er scharf. Der Alte wandte seine blicklosen Augen nun Felipe zu. Für einen Moment hielt er inne, als mustere er den Neuankömmling. Er schnupperte. „Du strebst nach Hause, junger Galicier!“, zischte er dann unvermittelt, so dass Felipe erschrocken zurückwich. „Ich aber kann riechen, dass du Angst davor hast, denn was wird dein Vater zur Rückkehr des verlorenen Sohnes sagen?“ Mit einem Mal drehte er sich wieder zu Johannes, packte mit verblüffender Sicherheit dessen Kinn und zog ihn zu sich heran, bis dessen Gesicht nur einen Fingerbreit von seinem eigenen entfernt war. „Unheil wird kommen! Calixt II. hatte Unrecht! Santiago wird bittere Tränen weinen! Vergebens sind fürderhin alle Wege, wenn auch du scheiterst! Zu Asche aber wird das Kostbare werden, das du bei dir trägst. Denn nicht du wirst es sein, der …“

 

Mit einem Mal tauchten in der Schar der Neugierigen zwei Büttel auf, die aufmerksam geworden waren. Sie drängten sich durch die Menge, packten den Alten an den Armen und zogen ihn sacht von Johannes weg. „Lass von dem Mann ab, Bruder José!“ sagte einer der beiden mit gepresster Stimme. „Wieder einmal erzählst du frommen Pilgern deine Schauermärchen.“ Der Blinde ließ Johannes los und die beiden Männer zogen ihn mit sich. Als sie ein wenig entfernt waren, drehte sich der seltsame Alte nochmal um. „Benediktiner! Höre mir zu! Es gibt für dein Unterfangen einen Ausweg! Die Asche! Fülle die Asche in …“ Er unterbrach sich und keuchte, dann fasste er sich an die linke Brustseite, verdrehte die blinden Augen, sackte in die Knie und fiel der Länge nach mit dem Gesicht nach unten zu Boden. Die beiden Büttel, die den Alten erschrocken losgelassen hatten, stießen Flüche aus. Rasch knieten sie sich neben den Leblosen und tasteten ihn ab. „Er ist tot!“, rief einer von ihnen verwundert. Die Neugierigen, die soeben noch um Johannes und seine Gefährten herumgestanden waren, wichen zurück. Sie wandten sich dem neuen Schauspiel zu und strömten zu den Männern, die noch immer fassungslos neben dem Toten knieten.
Alles war so schnell gegangen, dass Johannes kaum wusste, wie ihm geschehen war. Auch Magdalena und Irmingard starrten ungläubig dorthin, wo der Alte zusammengebrochen war. Felipe schüttelte verwundert den Kopf. „Woher wusste der blinde Alte, dass ich …“ Mittlerweile hatten die beiden Büttel den Toten aufgehoben. Er schien wenig zu wiegen, denn einer der Männer legte ihn sich über die Schultern. Die beiden schienen kurz zu beratschlagen, dann setzten sie sich in Bewegung und verschwanden rasch in einer Seitengasse. Eilig folgte ihnen die Menge. Manche der Zuschauer aber waren stehen geblieben und warfen argwöhnische Blicke zu Johannes und seinen Gefährten. Ärgerliches Raunen erhob sich. Manch drohend erhobene Faust wurde gereckt.

 

„Komm, Johannes“, sagte Irmingard und deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung der Herberge. „Weder du noch Felipe, niemand von euch hat Schuld am Tod dieses verwirrten alten Mannes. Doch sehen dies die Menschen hier vielleicht anders. Hubertus hat das Fuhrwerk vorbereitet und die Rösser sind aufgesattelt. Lass uns rasch aufbrechen.“ „Irmingard hat recht“, stimmte Magdalena zu. „Dieser Ort kann gefährlich werden. Er scheint Dispute und Händel nachgerade zu gebären.“ Johannes nickte stumm. Er war noch ganz gefangen von dem, was gerade geschehen war. Felipe indes verlor kein Wort, sondern packte den jungen Mönch am Arm und zog ihn mit sich.

16. Juli 1391, Puente la Reina
Langsam rollte der Wagen durch die Hauptstraße von Puente la Reina und auf das offene Stadttor zu, hinter dem schon die berühmte Brücke zu sehen war, die dem Ort den Namen gegeben hatte.
Magdalena, die mit Christine wieder im Innern des Wagens Platz genommen hatte, bückte sich und zog aus Johannes’ Reisebeutel dessen Wachstafel und den Griffel heraus. Wie jeden Tag seit ihrem Aufbruch aus Roncesvalles gedachte sie auch heute, Christine im Lesen und Schreiben zu unterrichten. Diese war voller Wissbegier und Magdalena freute sich darüber. `Bildung´, so dachte sie im Stillen, `Bildung ist die Grundlage dafür, die Welt zu verstehen und sich nicht in die Irre führen zu lassen.´
Als sie den Griffel in der Hand drehte, sah sie das eingebrannte Jerusalemkreuz. Johannes hatte ihr von dem Armbrustbolzen erzählt, den Hubertus aus der Wunde des Toten vom Ibañeta-Pass gezogen hatte. Auch auf diesem Bolzen war ein solches Kreuz eingebrannt gewesen. War das todbringende Stück Holz, wie Johannes und Hubertus vermuteten, von denselben Händen gebaut worden, die auch den Griffel gefertigt hatten? Und stammte der unbekannte Schütze aus Johannes’ Heimat, die irgendwo an den Küsten des Meeres im Norden des Reichs oder im Mare Balticum lag?
Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben. Unnütz und ohne Aussicht auf Erkenntnis war es, solchen Dingen nachzusinnen. Ihr Blick streifte Christine, die noch ganz mit Roland beschäftigt war. Der Knabe war heute quengelig und sie versuchte vergeblich, ihn zu beruhigen.

 

Magdalena rieb sich die Augen. Solange Christine beschäftigt war, blieb Zeit, über Eindrücklicheres nachzudenken. Yvain, der sich als großen Bruder von Roland betrachtete, ritt heute bei Irmingard auf der Kaltblutstute Fides mit. Magdalena sah zum Himmel. Glücklicherweise war das Wetter heute besser. Zwar war der Himmel bedeckt mit grauen Wolken, aber es regnete nicht.
Sie entsann sich des gestrigen Abends. Nach der Ankunft im Anwesen der Eheleute Hernandez, einem geschlossenen Vierseithof, der einen großen gepflegten Platz umschloss, hatten die Gefährten die ihnen zugewiesenen Kammern aufgesucht und zunächst ihre Kleider gewechselt. Zwar schien es, dass Pablo und Sofia Hernandez kinderlos waren, jedoch war das Anwesen, von lebhaftem Treiben erfüllt. Erst im Verlauf des Abends hatten sie erfahren, dass es sich dabei um Vettern und Basen von Pablo Hernandez nebst ihren Nachkommen handelte.
Nach dem Eintreffen von Felipe und dem Hausherrn blieb zunächst noch Zeit bis zum abendlichen Mahl. Pablo Hernandez hatte ihnen vorgeschlagen, nicht zur nahe gelegenen Iglesia Santiago, sondern zurück zur Kirche Iglesia de Crucifijo zu gehen, um Gott für die glückliche Ankunft in Puente la Reina zu danken. Sie müssten nur der Hauptstraße, die gleichzeitig die sirga peregrinal, die alte Pilgerstraße bildete, folgen und würden unfehlbar an der Kirche ankommen. Darin, so sagte Hernandez, solle sich ein ganz außergewöhnliches Kreuz befinden, dass aus der Nähe von Köln stamme und vor wenigen Jahrzehnten in der Kirche angebracht worden war.

 

Während die anderen Gefährten die Pferde versorgten und sich um die Kinder kümmerten, waren Johannes und Magdalena dem Vorschlag gefolgt und hatten sich auf den Weg gemacht. Zum Glück hatte der Regen zwischenzeitlich nachgelassen und war in sanftes Tröpfeln übergegangen.
Nur wenige Menschen waren auf den Gassen unterwegs und kaum jemand schenkte ihnen Beachtung. Bald hatten sie die kleine Kirche erreicht. In einer Seitengasse fand sich eine aus schwerem dunklem Holz gefertigte große Tür, der Eingang in das Gotteshaus. Magdalena hatte die Tür nach kurzem Zögern aufgedrückt und stieg die wenigen Treppen in das halbdunkle Kirchenschiff hinab; Johannes dicht hinter ihr.
Magdalena hatte sich gewundert, dass in der Kirche niemand zu sehen war. Vor ihren Augen, die sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erstreckten sich die Kirchenbänke. Sie wandte ihren Blick nach rechts. Dort, in der halbrunden hohen Apsis, stand auf einem in Hüfthöhe angebrachten schmalen Podest ein Kreuz. Doch dieses Kreuz unterschied sich in der Tat von allen, die sie kannte. Es hatte die Gestalt eines Gänsefußes, Y-förmig mit verlängertem Mittelbalken. Die Hände des gekreuzigten Heilands waren an den äußersten Enden der schräg nach oben gerichteten Queräste angenagelt; sein Haupt nach rechts herabgesunken, die gebrochenen Augen ins Leere gerichtet. Pablo Hernandez hatte nicht übertrieben. Dies war ohne Zweifel ein ganz außergewöhnliches Kreuz.

 

Unbewusst und auf unerklärliche Weise von dem leidenden Heiland angezogen, ging Magdalena nach vorne und kniete nieder. Sie bemerkte nicht, dass Johannes, ebenfalls ergriffen von dem Anblick, zurückgeblieben war. Sie spürte den kalten Boden nicht, sondern hob die Hände und begann mit geschlossenen Augen den schmerzhaften Rosenkranz zu beten. Obwohl sie diese Textstellen in ihrer Zeit in Geisenfeld gemieden hatte, wo immer sie nur konnte, gingen sie ihr nun wie von selbst von den Lippen. „Gegrüßet seist Du Maria, voll der Gnaden, Du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus, …“

 

Nach geraumer Zeit waren ihre Augen voller Tränen. Sie öffnete sie und wie durch einen Schleier sah sie den gekreuzigten Heiland. Sie blinzelte ungläubig. Wachte sie oder träumte sie? Das Haupt von Jesus Christus, das zuvor noch herabgesunken war, hatte der Erlöser nun erhoben. Mit dunklen Augen, die ihr tief in ihre Seele zu blicken schienen, schaute er sie an. Magdalena wagte nicht, sich zu bewegen. Das konnte nicht sein! Wie war das möglich?
Ihr stockte der Atem, als sich der Mund des Gekreuzigten öffnete und er zu sprechen begann. Magdalena hörte die Worte, die voller Barmherzigkeit waren und hörte sie doch nicht. Gewaltige Bilder, Gemälden gleich, tauchten vor ihren Augen auf. Bilder der Geschehnisse der Vergangenheit und die Gewissheit, dass alles seinen Sinn gehabt hatte. In ihr breitete sich ein allumfassendes Gefühl von Wärme und Friede aus. Ihr Atem ging schneller. „HERR“, stammelte sie zitternd, „HERR, weise mir Deine Wege und zeige mir Deine Steige.“ Nun wechselten die Bilder, wurden dunkler, bedrohlicher, überfluteten ihren Geist und füllten sie ganz aus. Magdalena sah vor ihrem geistigen Auge ein Gemälde, das eine Küste mit bogenförmigen Felsen zeigte. Ein grüner Lichtpunkt, der zu einer winzigen lodernden Flamme wurde. Noch immer bewegte der Heiland seine Lippen, hatte seine Augen unverwandt auf die Kniende gerichtet. Magdalenas Atmen war in immer schnelleres Keuchen übergegangen. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Erlöser abwenden. Bunte Kreise begannen vor ihren Augen zu tanzen, Flammen züngelten empor und Blut rauschte in ihren Ohren. Dann verstummte der Heiland und warf ihr noch einen letzten warmen Blick zu, bevor sein Haupt wieder herabsank. Magdalena aber wurde schwarz vor den Augen und sie sank zu Boden. Dass sie in die Arme des zutiefst erschrockenen Johannes fiel, nahm sie nicht mehr wahr.

 

Sie erwachte, als jemand sie kräftig schüttelte und schlug die Augen auf. Ein verschwommenes Gesicht war zu sehen. „Was …?“ stammelte sie benommen. „Du bist während des Betens ohnmächtig geworden!“, hörte sie die besorgte Stimme von Johannes. „Geht es dir gut?“ Magdalena blinzelte. Das Bild vor ihren Augen wurde klarer. Nicht nur Johannes betrachtete sie voller Sorge, sondern eine Reihe unbekannter Gesichter starrten sie mit einer Mischung aus Argwohn, Mitleid und Neugier an. Gemurmel war zu vernehmen. „Me … me va bien“, sagte sie, um die Umstehenden zu beruhigen. Den Satz hatte sie einst von Felipe in Engelberg gelernt. Glücklicherweise war er ihr wieder eingefallen.
Ein Aufatmen war durch die Reihen gegangen. Johannes hatte ihr geholfen, wieder aufzustehen. „Perdone … perdone … gracias … gracias“, hatte sie gemurmelt und war langsam zwischen den Kirchenbänken in die hinterste Reihe gegangen. Alle Augen waren ihr gefolgt. Sie hatte sich niedergelassen und leise gebetet. Auch Johannes hatte sich neben sie gesetzt und gebetet. Nach und nach war die Aufmerksamkeit der anderen Gläubigen wieder erloschen.

 

In einem günstigen Moment, als die Gemeinde voller Inbrunst den Rosenkranz betete, waren sie und Johannes lautlos und unbemerkt hinausgehuscht.
„Was ist mit dir geschehen?“, hatte Johannes besorgt gefragt. Dies war für Magdalena der Beweis, dass dieses eigentümliche Erlebnis nur ihr widerfahren war. Während sie durch die Hauptstraße zurück zum Anwesen der Eheleute Hernandez gegangen waren, hatte sie ihm leise davon erzählt. Ihre Befürchtung, dass er es als Einbildung abtun würde, hatte sich zu ihrer Erleichterung nicht erfüllt. Er hatte nur schweigend aufmerksam zugehört und nachdenklich genickt. „Was war das? Die Macht Gottes?“, hatte sie leise gefragt. „Gewiss“, hatte er geantwortet. „Doch was hat der Heiland dir offenbart?“ Magdalena war stehengeblieben  und hatte ihn angesehen. „Er sprach und sprach doch nicht“, sagte sie mit rauer Stimme. „Es war überwältigend und ist nicht einfach zu erklären. Doch eines ist gewiss: Es wird etwas geschehen. Der blinde Mönch von Navarrenx hatte Recht: Santiago wird bittere Tränen weinen, wenn du scheiterst.“

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