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Leseprobe
Band 3 / Der Schatten des Erbfeinds

24. April 1391, in einem Wald irgendwo südlich von Lyon
‚Nur noch ein kurzes Stück!‘, flüsterte Pierre Lagarde, als er neben seinen Ochsen durch den Wald zurück zu seinem Hof hastete. Er war mit den Tieren beim Pflügen gewesen. Pflügen auf dem Acker seines Grundherrn, mehr als zwei Stunden Fußmarsch von seinem Hause entfernt. Morgen sollte er dort mit der Egge arbeiten.
Lagarde war zweiunddreißig Jahre alt und Lehensnehmer des Grundherrn Maleville. Dieser hatte ihm eine halbe Hufe Land zur Bewirtschaftung zugeteilt. Eine halbe Hufe umfasste sechs Gewann, das waren neun Hektar. Felder, Äcker, Wiesen und auch ein Waldstück fanden sich auf diesem Stück Land. Dafür musste Lagarde wie viele seiner Standesgenossen nicht nur erhebliche Abgaben an Korn und Holz, sondern zusätzlich auch Scharwerke leisten. Er musste einen großen Acker bestellen, der südwestlich eines ausgedehnten Waldstücks lag. Wenn er dort arbeitete, dann dauerte es meist bis zum späten Abend, bis er fertig war. So war es auch heute gewesen. Zusätzlich zu der zugeteilten halben Hufe verfügte Lagarde über einen eingezäunten Garten, den er gemeinsam mit seinem Weib Lavinia bewirtschaftete. Vier Kinder galt es zu ernähren und schließlich forderte auch die Kirche ihren Zehnt. Wenn dies auch nicht mehr so wie früher genau ein Zehntel der Erträge war, das an das Erzbistum Lyon bezahlt werden musste, so ächzten die Bauern doch unter der Fron. Zehn Jahre zuvor, so hatte Lagarde einmal nach dem sonntäglichen Kirchgang gehört, hatte es im fernen England einen Aufstand der Bauern gegen die Willkür der Herrschenden, gegen die drückenden Steuern gegeben. „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“ Diesen Satz hatte er flüsternd hinter vorgehaltener Hand vernommen und sich sogleich angstvoll umgesehen, ob nicht jemand ihn gehört hatte. In England war es das Ziel der Bauern und Leibeigenen gewesen, den König zu zwingen, alle aus der Knechtschaft zu entlassen. Ein Prediger, Lagarde wusste den Namen nicht, hatte sie dazu angestiftet. Der König war anfangs zum Schein darauf eingegangen, hatte dann aber die Bewegung blutig niedergeschlagen. Und danach, so wurde erzählt, wurden die Bauern und Leibeigenen umso härter unterdrückt und geknechtet.

 

Lagarde schürzte die Lippen. Unnütze Gedanken waren dies. Er hatte genug Sorgen um das tägliche Brot. Der Pfarrer predigte regelmäßig, dass alles Gott gewollt sei, dass bei aller Mühsal auf Erden nach dem Tod ein besseres Leben begann. Er wie auch die anderen Bauern hatten sich zu fügen, gleich welche Schicksalsschläge auf sie warteten. Gott wollte es so.
„Ho, ihr müden Kerle, voran“, trieb der Bauer seine beiden Ochsen an und knallte mit der Peitsche. Mit einer Fackel, die er in der verkrampften Hand hielt, leuchtete er mal nach der einen, mal nach der anderen Seite des Weges zwischen die Bäume. Unheimlich war es in diesem Wald. Und es waren nur noch sechs Tage. Sechs Tage bis zum Tanz der Hexen. Seit einigen Jahren, immer in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai, so wurde angstvoll geflüstert, würden sich zuerst Stürme erheben. Die „Wilde Jagd“ solle dies sein. Dann fand irgendwo unweit von hier auf einer Lichtung eines bewaldeten Hügels ein unheimliches Treiben statt. Hexen und Zauberer würden dort feiern und abscheuliche Rituale abhalten, hieß es. Sogar der Leibhaftige selbst solle dabei erscheinen. Manche munkelten, die Hexen würden Buhlschaft mit ihm treiben. Dafür würde er ihnen magische Kräfte verleihen, damit sie Tod und Schrecken verbreiten konnten. Wenn nach dem Tanz der Hexen Pferde mit geflochtenen Mähnen und Schwänzen in den Ställen standen, wenn Vieh auf der Weide starb, Hebewetter einsetzte oder Frauen Fehlgeburten erlitten, dann war dies das Ergebnis davon. Die Hexen brachten das Gleichgewicht der göttlichen Ordnung durcheinander und Gott strafte die Menschen dafür. Er würde Hunger folgen lassen, Krieg und Verwüstung.

 

Lagarde schüttelte sich vor Unbehagen. Manchmal erzählte man sogar, dass Tage nach dem geheimnisumwitterten Treiben neben erkalteten Feuerstellen Lachen von getrocknetem Blut auf großen Steinen gefunden worden seien. Auch Knochen, Fetzen von Kleidern und einmal sogar ein zerbrochenes verbranntes Kreuz seien Beweise für den Hexentanz gewesen. Lagarde aber wusste von keinem, der jemals selbst an dieser verwunschenen Stelle gewesen war. Es gab nur Gerüchte. Jemand kannte jemanden, der jemanden kannte, der diese Stelle schon gesehen haben wollte.
Früher war dies nicht so gewesen. Doch vor etwa einem guten halben Dutzend Jahren hatten diese Gerüchte erstmals die Runde gemacht. Und in der Tat, Lagarde hatte, aufmerksam geworden, schon das eine oder andere Mal beobachtet, dass sich in diesen Nächten stürmische Böen erhoben hatten. Er aber wusste nicht, was er davon halten sollte. Sein Kopf schmerzte vom vielen Nachdenken und er beschloss, sich auf den Weg zu konzentrieren. Schließlich war er nur der einfache Bauer, der täglich dafür Sorge trug, dass seine Familie satt wurde.

 

Mittlerweile war es vollends dunkel geworden. „Nur noch ein kurzes Stück!“, murmelte Lagarde erneut. Schon konnte er das Ende des Waldes erahnen. Plötzlich scheuten die Ochsen. Sie schnaubten und blieben stehen. „Ho!“, rief der Bauer und ließ seine Peitsche knallen. Doch die Tiere weigerten sich, auch nur einen Huf vor den anderen zu setzen. Was war das? Lag da ein totes Stück Wild auf dem Weg? Lagarde lüpfte seinen breiten Strohhut. Langsam ging er nach vorne und leuchtete. Doch da war kein Tier. Ratlos kratzte er sich am Kopf. Was war nur los? Er schnupperte. Ein schwacher, kaum wahrnehmbarer eigenartiger Geruch fiel ihm auf. Es dauerte einen Moment, bis Lagarde bewusst wurde, was es war: Schwefel.
Das Herz des Bauern klopfte bis zum Hals. Kaum wagte er, mit zitternden Händen seine Fackel zu schwenken und zwischen die Bäume zu sehen. Tatsächlich, neben einer mächtigen Buche sah er eine große Gestalt in einem dunklen knöchellangen Umhang. Die Kapuze, die die Gestalt trug, verdeckte das Gesicht. Doch stand sie beidseits eigentümlich weit ab.
„Allô?“, krächzte Lagarde ängstlich. Keine Antwort, doch schien es, als winke ihn der Fremde heran. Langsam trat er näher und hob die Fackel in der Erwartung, das Gesicht des Fremden zu sehen.
Das, was der Bauer im flackernden Schein erblickte, jagte ihm blankes Entsetzen ein. Die Fackel fiel aus seiner Hand. Er riss die Augen auf und stieß einen lauten Schrei aus. Dann sackte er kraftlos in die Knie. Fassungslos starrte er auf den Pferdehuf, der unter dem Umhang hervorlugte, hörte das höhnische Lachen. Dann fiel er in Ohnmacht.
 

3. Mai 1391, auf dem Landgut des Edelmanns De Manuel
„Seid willkommen in Manuelibus, Frère Johannes! Seid willkommen, Ihr und im selben Maße Eure Begleiter. Bleibt, so lange ihr wollt, wenn nicht die Umstände Eure Abreise an einen anderen Ort erfordern.“ Johannes, der zuvor niedergekniet war, richtete sich wieder auf. Seine Gefährten folgten seinem Beispiel. Sie befanden sich im Saal des Herrenhauses. Vor Ihnen, an der Stirnseite, saß Nicolas De Manuel an einem langen Tisch. Der Edelmann war etwa dreißig Jahre alt und von hagerer Gestalt. Dunkelbraune Haare umrahmten ein verschmitztes, gleichwohl melancholisches Gesicht, das von Falten durchzogen war, als habe er schon schwere Zeiten erlebt. Sein kräftiges Kinn zierte ein Spitzbart. Der Edelmann trug eine burgunderfarbene Cotte mit gestickten Borten. Der Fürspan, der seinen Ausschnitt verschloss, bestand allem Anschein nach aus Gold und war kunstvoll gefertigt. Eine grüne Gugel hatte er an der Gesichtsöffnung aufgerollt und über seiner Bundhaube auf den Kopf gesetzt. Das Schulterteil hing an der Seite herunter, der Zipfel war um den Hals geschlungen. Der linke Arm des Chevaliers ruhte auf einem Kissen. Die Hand steckte in einem Falknerhandschuh. Darauf saß ein Wanderfalke, der mit einer Beinfessel daran gebunden war. Vor dem Edelmann stand eine kleine irdene Schüssel auf dem Tisch.

 

Zur Rechten des Chevaliers saß seine Gemahlin Heléne Griffon und betrachtete die Besucher aufmerksam. Sie schien ebenso alt wie ihr Gemahl zu sein, hatte lange blonde Haare, die nun aber hochgeflochten und von einer kleinen schwarzen Haube bedeckt waren. Sie trug ein langes schwarzes Kleid aus edlem Tuch. Sie schien geweint zu haben, denn die Partie um ihre klugen, blauen Augen war ein wenig verquollen. Doch untermalte dies nur ihre große Schönheit. ‚Wolfram hat recht gehabt‘, dachte Johannes im Stillen. ‚Die Anmut der Edelfrau wird zu Recht gerühmt.‘
Neben De Manuel saß ein mittelgroßer schlanker Mann mit braunem Vollbart und dunklem Wams. Johannes kannte ihn bereits. Es war der Medicus des Edelmanns, Magister André. Dieser hatte den jungen Mönch nach dem Felssturz vor einigen Wochen untersucht und ihm Hilfe angedeihen lassen. Seine leicht spöttische Miene und die hochgezogenen Augenbrauen ließen darauf schließen, dass er den Besuch zuvorderst als willkommene Unterhaltung betrachtete.
Zwischen den Besuchern und den Herrschaften stand linker Hand ein Schreibpult. Dahinter schaute ein Geistlicher mit hellbrauner Tonsur und strengem Gesicht, eine Schreibfeder in der Hand, abwartend auf seinen Herrn. Eine helle, gegürtete Tunika mit weißem Skapulier und ein dunkelbrauner, beinahe schwarzer Kapuzenmantel wiesen ihn als Angehörigen des Dominikanerordens aus. Johannes hatte ihn schon am Vorabend gesehen. Der Dominikaner hatte auf dem Landgut die Aufgabe des Kaplans und Beichtvaters inne. Der Kaplan hatte bemerkt, dass ein Benediktiner der Messe beigewohnt hatte, dem Mönch aber bis auf ein angedeutetes Nicken weiter keine Beachtung geschenkt. Auf dem Schreibpult befanden sich einige Stücke Pergament nebst einem kleinen Fässchen Tinte.
Johannes kam zu Bewusstsein, dass die Worte des Chevaliers dieselben waren, die er in seinem Einladungsschreiben verwendet hatte. Wie schon dort schienen sie auf eine gewisse Zweideutigkeit hinzuweisen, die er sich nicht erklären konnte.

 

„Ihr dürft Euch setzen“, erklang die amüsierte Stimme des Medicus. Johannes nickte seinen Gefährten zu und alle nahmen auf der langen Bank gegenüber den Herrschaften Platz. Noch bevor sie hereingekommen waren, hatte ihnen François, der Diener, zugeraunt, dass der Chevalier nach ihrer Vorsprache noch manche Gespräche mit Verwaltern zu führen, Streit zu schlichten und Fragen zu den Abgaben zu entscheiden hatte. „Doch zunächst wird sich unser Herr für Euch ein gerüttelt Maß an Zeit nehmen.“
Der Greifvogel schlug mit den Flügeln und die Glöckchen, die an seinen Füßen befestigt waren, klingelten. De Manuel flüsterte dem Falken etwas zu und das Tier beruhigte sich. Er richtete das Wort an seine Besucher. „Meine Gemahlin und ich sind voller Schmerz über den Tod des Einsiedlers. Yvain, wie er sich nannte, war der Oheim meiner Gemahlin und uns stets verbunden. Doch hatte er seinen wahrhaftigen Namen und seinen Titel vor Jahren abgelegt. Er, der einst ein gefürchteter Kämpfer mit Bogen, Schwert und Lanze für König Karl V. war, hatte sein Leben Gott geweiht. Ich habe daher noch gestern auf dem Gut und im Dorf Chavanay kundtun lassen, dass heute und die nächsten beiden Tage Trauer herrschen soll.“ De Manuel schwieg nach diesen Worten.

 

Christine, die ihren Sohn im Arm hielt, konnte nicht verhindern, dass die Tränen in ihre Augen stiegen. Sie senkte ihren Kopf, blinzelte und schluckte in der Hoffnung, es bleibe unbemerkt.
Da erklang die Stimme der Edelfrau Heléne Griffon. „Ihr, die Ihr das Kind bei Euch tragt, wie ist Euer Name?“ „Christine“, antwortete die Angesprochene. „Christine, wo ist Eure Heimat?“, fragte die Gemahlin von De Manuel weiter. „Meine Heimat war ein kleines Dorf in der Nähe von Brest, das von den Engländern vor vier Jahren verheert wurde“, sagte Christine. „Das Dorf gibt es nicht mehr.“ Die Edelfrau nickte versonnen. „Euch verbindet etwas Besonderes mit Yvain.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Christine schluckte. Die Gemahlin des Chevaliers sah sie auffordernd an. „Euch ist in Eurem Leben mehrmals Schreckliches widerfahren. Ihr wart in Todesnot und Yvain stand Euch bei, ist es nicht so?“ „Ja, so ist es“, flüsterte Christine. Heléne nickte sacht. „Doch habt Ihr es nun in der Hand, Eurem Leben und dem Eures Kindes eine Wende zu geben“, fuhr sie fort. „Gott, unser HERR, hat Euch bereits ein Zeichen gesandt, nur habt Ihr es noch nicht erkannt. Seid also des toten Yvain eingedenk und trefft Eure Wahl weise.“ Christine öffnete ob dieser Worte verwundert den Mund. Magdalena, die neben ihr saß, drückte ihr verstohlen die Hand und Christine unterließ eine Erwiderung. Heléne indes, die Magdalenas Geste wohl bemerkt hatte, schenkte ihr ein wissendes Lächeln.

 

„Frère Johannes“, richtete De Manuel das Wort an den jungen Mönch. „Yvain wurde heute Morgen gleich nach der Prim in aller Stille beigesetzt. Von heute an wird jeden Abend für ihn in der Kapelle eine Messe gelesen, bis ein Jahr vergangen ist. Doch erzählt mir, wie ihr ihn kennengelernt habt und welch schlimmes Ereignis zu seinem Tode führte.“
Johannes beugte sich vor und sah Hubertus an. „Gestattet auch meinem Begleiter Hubertus, hiervon zu erzählen.“ De Manuel machte eine zustimmende Geste. Johannes und Hubertus erzählten nun von dem Tanz der Hexen unter Führung des Teufels und seines Weibes. So manche Begebenheit ließen sie jedoch wohlweislich unerwähnt. De Manuel, sein Weib und der Magister waren zuerst erstaunt, dann zutiefst erschrocken. Der Dominikaner bekreuzigte sich mit aschfahlem Gesicht dreimal. „Herr, denkt an Pierre Lagarde“, sagte er beschwörend. „Und denkt an den Himmelskörper, der just in der Nacht zum 1. Mai über das Firmament zog. Ein böses Zeichen! Es ist also wahr!“
De Manuel nickte ob der Worte des Kaplans und wandte sich an seine Besucher. „Es traf Kunde vor einigen Tagen ein, dass ein Höriger unweit östlich der Rhône den Antichrist selbst gesehen haben will. Er schwor beim Allmächtigen, dass ihm des Nachts ein Mann in einem Umhang begegnet sei, als er mit seinen Ochsen auf dem Nachhauseweg war. Schwefel habe er gerochen. Ein Mann in dunklem Umhang sei am Wegesrand gestanden, der statt eines Fußes einen Huf gehabt habe. Der Bauer fiel darob in Ohnmacht. Als er erwachte, waren die Ochsen fort. Man hatte angenommen, er habe diese Geschichte ersonnen, um so die Tiere selbst heimlich verkaufen zu können. Doch auch bei peinlicher Befragung blieb er bei seiner Aussage. Und wie der Kaplan schilderte, so zog ein Feuerball vor drei Nächten seine Bahn über den Himmel.“ Johannes nickte. „Wir haben den Himmelskörper gesehen. Die Hexen und Zauberer begrüßten ihn mit Jubel.“

 

De Manuel wandte sich wieder an den Kaplan, der sich erneut hastig bekreuzigt hatte. „Der Chevalier De Mantague muss benachrichtigt werden. Ihr habt recht, es scheint, als habe der Hörige die Wahrheit gesprochen.“ Kaplan Roger neigte eifrig sein Haupt. „Ich werde alles in die Wege leiten.“ Er bekreuzigte sich vorsichtshalber aufs Neue. De Manuel forderte Johannes auf, weiter zu erzählen. Als der junge Mönch berichtete, welche Predigt der Teufel seinen Anhängern gehalten hatte, hielten alle den Atem an. „Chevalier …“, sagte Johannes eindringlich, „Chevalier, der Teufel will unzweifelhaft die heilige Mutter Kirche und alle Gläubigen vernichten. Er hat in der Nacht des 30. April seine Gefolgschaft ausgesandt. Gebe Gott, dass es noch nicht begonnen hat. Doch soll kein Mann, kein Weib, kein Kind mehr sicher sein. Angst, Schrecken und Tod will der Höllenfürst verbreiten und die Christenheit ins Verderben stürzen!“
Obwohl dem Edelmann ebenso wie seinem Weib und auch dem Magister ob dieser Worte die Bestürzung ins Antlitz geschrieben stand, bemühte er sich um Haltung. Mit ruhiger Stimme sagte er: „Dies ist zweifellos eine schreckliche Nachricht. In der Tat, dem Bösen muss Einhalt geboten werden! Kaplan, habt Ihr alles mitgeschrieben?“, wandte er sich an den Geistlichen. Am ganzen Körper zitternd, nickte dieser und bekreuzigte sich ein weiteres Mal. De Manuel klatschte in die Hände. Die Türe zum Saal öffnete sich und ein junger Diener trat ein. Der Chevalier machte eine befehlende Geste und der Diener lief zum Kaplan. Dieser gab ihm das Schriftstück, welches sogleich dem Edelmann vorgelegt wurde. De Manuel überflog das Schreiben und streckte die Hand aus. Sogleich lief der Diener und holte vom Schreibpult die Feder und das kleine Tintenfass. Der Edelmann überlegte einen Moment, dann schrieb er einige Zeilen auf das Pergament, überflog es ein weiteres Mal, setzte schließlich schwungvoll seine Unterschrift darunter und gab das Schriftstück an den Diener. „Versiegle das Schreiben. Es muss sofort zum Erzbischof von Lyon. Eile, denn es gilt, keine Zeit zu verlieren. Und gib danach dem Kellermeister Bescheid, er möge dafür sorgen, dass Wein gebracht wird.“ Der junge Bedienstete verbeugte sich gehorsam und eilte hinaus. Der Kaplan wartete auf ein Zeichen seines Herrn, dann holte er sich Schreibfeder und Tintenfass zurück, legte ein weiteres Stück Pergament zurecht und wartete.
Der Edelmann nickte entschlossen. „Ich sage noch einmal: Dem Bösen muss Einhalt geboten werden! Ihr habt gut daran getan, dies kundzutun, Frère Johannes und auch Ihr, Hubertus. Doch nun berichtet, wie es Euch weiterhin erging.“

 

Johannes und Hubertus schilderten, wie sie erfahren mussten, dass der Leibhaftige und sein Weib auf Magdalena und Irmingard eingestürmt waren und berichteten vom Kampf und Sterben des Einsiedlers. Der Dominikaner schrieb trotz seiner zitternden Hände eifrig mit. „Der Teufel, sein Weib und einer seiner ruchlosen Diener flohen auf einem schwarzen Ross. Yvain indes konnten wir nicht mehr retten. Christine und ihr Kind …“ Johannes schaute die junge Frau an. „Christine und ihr Kind nahmen wir bei uns auf. Es steht ihr nun frei, zu entscheiden, was sie fürderhin tun möchte.“ „Wenn sie gewillt ist, sich uns auf unserer Pilgerfahrt anzuschließen, ist sie in unserer Mitte willkommen“, schloss der junge Mönch.
„Ich danke Euch für Euren Bericht. Ihr dürft gewiss sein, wir werden noch Gelegenheit finden, über so Manches zu sprechen“, sagte De Manuel.

 

„Sind Eure Wunden gut verheilt?“, richtete Magister André nun das Wort an den Mönch. „Es kamen noch manche dazu“, antwortete Johannes. „Doch ja, dank Eurer Hilfe bin ich von den Folgen des Felssturzes am Etzelpass gut genesen.“
„Der, der Euch einst nachstellte, ist tot, nicht wahr?“, fragte Heléne Griffon unvermittelt. Johannes war verblüfft. Woher wusste diese Frau davon? „In der Tat, so ist es“, antwortete er zögernd. „Doch woher ..?“ Heléne hob die Hand. „Ihr habt noch einen weiten Weg vor Euch, Frère Johannes. Andere Herausforderungen und vielerlei Gefahren warten.“

 

Der Edelmann richtete sein Augenmerk auf Felipe. „Wer seid Ihr und warum begleitet Ihr den Pilgermönch Johannes?“ Felipe antwortete nicht sogleich, sondern starrte ausdruckslos vor sich hin, als habe er die Frage nicht gehört. Dann richtete er seine dunklen Augen auf De Manuel und sagte: „Mein Name ist Felipe Montez. Ich stamme aus dem Dorf Ortiguera in Galicien. Ich bin Schiffszimmermann und gelangte durch … Umstände, die keiner Erwähnung bedürfen, in die eidgenössische Bergwelt. Nun reise ich mit dem Mönch und seinen Gefährten, um in meine Heimat zurückzukehren.“
„Ein Schiffszimmermann aus Galicien inmitten von Frankreich, der aus der Eidgenossenschaft, bestehend aus Uri, Schwyz und Nidwalden, kommt. Doch liegt diese fernab der Meere. Dies ist in der Tat bemerkenswert, nicht wahr?“ Die spöttische Stimme von Magister André durchschnitt den Saal. Der Falke auf De Manuels Handschuh schlug aufgeregt mit den Flügeln. Der Chevalier maß seinen Medicus mit einem strengen Blick. Dieser senkte die Augen und murmelte etwas Unverständliches.

 

„Nun, es ist bedauerlich, dass Ihr zurück in Eure Heimat strebt“, sagte der Edelmann. „Ein guter Zimmermann ist in der Tat jemand, den wir hier sehr wohl gebrauchen könnten. Geht in Euch und überlegt, ob Ihr nicht hier bleiben wollt. Es soll Euer Schaden nicht sein.“ Er griff in die Schüssel, die neben ihm stand und gab dem Greifvogel ein Stückchen Fleisch. Felipe deutete eine Verbeugung an. „Euer Angebot ehrt mich, Señor. Doch spüre ich den Ruf der Heimat zu sehr, als dass ich hier verweilen könnte.“ Er warf einen dunklen Blick auf den Medicus.

 

Die Türe des Saales öffnete sich und ein Diener trat herein, der auf einem fein gehobelten Brett zwei Krüge und einige Becher trug. Er verbeugte sich, ging durch den Saal zu seinem Herrn und wiederholte die Geste. De Manuel bedeutete ihm, die Becher zu füllen. Nachdem der Edelmann, seine Gemahlin und der Magister je einen Rebensaft erhalten hatten, wurden auch Johannes und seine Gefährten bedient. Nur der Kaplan erhielt keinen Wein. Der Chevalier hob den Becher und trank. Alle folgten seinem Beispiel.
Nachdem jeder getrunken hatte, fiel der Blick des Edelmanns auf Hubertus. „Es ist nun an Euch, zu schildern, wer Ihr seid, woher Ihr kommt und was Euch zu dieser Pilgerfahrt bewegt hat.“ Hubertus‘ Augen funkelten. Es war ihm zutiefst zuwider, von hohen Herren wie vor einem Gericht ausgefragt zu werden. Doch wusste er ebenso, dass er zumindest ein wenig aus seinem Leben preisgeben musste. Mit ruhiger Stimme und festem Blick erzählte er in knappen Worten von seinem Leben als Seemann und als Troubadour sowie den Erlebnissen, die ihm auf seinen Reisen widerfahren waren. Er berichtete, wie er Johannes und Irmingard kennengelernt hatte, wie sie einander beigestanden hatten und welche Gefahren sie im vergangenen Jahr in Geisenfeld und danach gemeistert hatten. Er schilderte seine Heirat mit Irmingard und erzählte von den Geschehnissen im Engelberger Tal.
Der Edelmann und sein Medicus schüttelten oftmals ob dieser Worte ungläubig den Kopf. Der Kaplan hielt ein ums andre Mal verblüfft mit dem Schreiben inne, um gleich darauf umso schneller die Worte aufs Pergament zu bringen.

 

Als Hubertus geendet hatte, herrschte für einen Moment Schweigen. „Ihr seid ein Mann mit erstaunlichen Talenten und Fähigkeiten“, sagte der Chevalier schließlich. „Dazu kommt große Erfahrung. Ein unstetes Leben, so dünkt mir, war bisher das Eure. Doch nun, da Ihr verheiratet seid, gedenkt Ihr nicht, dereinst mit Eurem Weib sesshaft zu werden?“
„Dies ist mein Ziel, wenn die Pilgerfahrt zu Ende ist“, bestätigte Hubertus. „An den Küsten des Nordens, wo meine Heimat liegt, möchte ich mich niederlassen.“
De Manuel nickte nachdenklich. Hubertus bemerkte unterdessen, dass Heléne Griffon ihn aufmerksam beobachtete. Er erwiderte den Blick und erstarrte. Ihm war, als schaute die Gemahlin des Edelmanns direkt in seine Seele, als würde sein Innerstes vor ihr offenbar. Hubertus konnte ihren durchdringenden Augen nicht ausweichen. Kaum wagte er zu atmen. ‚Sie weiß alles!,‘ durchfuhr es ihn. ‚Wie kann das angehen?‘ Der Schweiß brach ihm aus und es schien ihm, als würde sie sogleich sein Todesurteil verkünden. Doch Heléne sagte kein einziges Wort, verzog keine Miene. Nach einer kurzen Weile, die Hubertus jedoch wie die Ewigkeit vorkam, hob sie ihren Becher und setzte ihn an den Mund, ohne die Augen von ihm zu lassen. Dann erst wandte sie ihren Blick ab, um Irmingard zu mustern. Hubertus wurde nun gewahr, dass er unwillkürlich den Atem angehalten hatte.
„Ist Euch nicht wohl, Hubertus?“, fragte der Magister. Hubertus atmete tief aus und verneinte. „Es ist nichts, habt Dank“, antwortete er und bemühte sich um einen leichten Ton, obwohl sein Herz bis zum Halse schlug.

 

Er war zutiefst erleichtert, als De Manuel sich Magdalena zuwandte. „Auch Ihr reist in Begleitung des Pilgermönchs. Daher seid auch Ihr wie alle Gefährten des Frère willkommen in meinem Hause. Bitte sagt mir, wie Euer Name ist und was Euch bewegt hat, die lange und gefahrvolle Reise nach Santiago auf Euch zu nehmen.“ Erwartungsvoll beugte sich der Chevalier vor.
Magdalena aber zögerte keinen Augenblick. Sie richtete ihre Augen auf die Gemahlin des Edelmanns und sagte mit fester Stimme: „Ich bin Magdalena von Falkenfels, Tochter des Ritters Rudolf von Falkenfels. Mein Vater verlor vor Jahren all seine Besitztümer, als sein Nachbar mit ihm in Fehde geriet. Nach dem Schwur der Urfehde blieb meinem Vater nicht mehr als sein Streitross, zwei unmündige Töchter und das, was er am Leibe trug. Er verdingte sich später in den Diensten des Herzogs Stephan von Baiern in Ingolstadt, bis er von einem Erkundungsritt nicht mehr zurückkehrte. Meine geliebte Schwester und mich hatte er zuvor im Benediktinerinnenkloster zu Geisenfeld dargebracht. Dort lernte ich die Heilkunst. Ich lernte, den Menschen zu helfen. Theresia hat in Geisenfeld ihre Heimat gefunden.“ Sie richtete ihre Augen auf Johannes. „Ich indes nehme die Reise auf mich, weil ich diesen Mann, Johannes, von ganzem Herzen liebe. Ich liebe ihn, seit ich ihm vor sieben Jahren zum ersten Mal in Coburg begegnete. Weder Verschwörungen und Intrigen in Geisenfeld, wegen derer ich schließlich zum Konvent nach Engelberg in die Abgeschiedenheit der eidgenössischen Berge gebracht wurde, noch die Todesgefahren, denen Hubertus, er und ich dort ausgesetzt waren, konnten uns trennen.“ Wieder sah sie Heléne an. „Gott hat uns ein ums andre Mal zusammengeführt, trotz aller Widrigkeiten. Und ich werde Johannes folgen und ihm beistehen, wohin immer auch sein Weg führen mag.“

 

In der darauf folgenden Stille hätte man eine Nadel fallen hören. Johannes drückte wortlos die Hand der geliebten Frau. Das Gesicht von De Manuel war wie eingefroren. Sogar Magister André hatte sein spöttisches Lächeln verloren. Kaplan Roger war bei diesen Worten ebenfalls erstarrt. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Empörung und Abscheu ab. Er tauchte hastig die Feder ins Fass, um die Worte Magdalenas festzuhalten.
Heléne Griffon indes hob abermals die Hand. „Haltet ein, Frère Roger. Diese Worte sind nicht dazu bestimmt, niedergeschrieben zu werden. Und lasst Eurer Empörung keinen Raum. Gott, unser HERR, schützt die, die aufrichtig lieben.“ Der Kaplan biss sich auf die Lippen, folgte aber widerstrebend der Anweisung von Heléne.
Diese schenkte Magdalena einen warmen Blick. „Ihr habt ein aufrechtes Herz, Magdalena von Falkenfels, mehr Mut als viele tapfere Ritter und ihr tragt weitaus mehr Liebe in Euch, als Ihr selbst wisst. All dies werdet Ihr brauchen, denn auch auf Eurem Weg steht Euch noch manche Prüfung bevor.“ Sie hielt inne. Für einen Augenblick schien es, als horche sie in sich hinein. Sie erblasste. Mit gefasster Stimme fuhr sie fort: „Die Gefahr ist näher als Ihr denkt. Schon hat das Böse seine Hand nach Euch ausgestreckt. Doch bin ich gewiss, dass Ihr hier in Sicherheit seid.“
In Magdalena stieg bei den Worten der Edelfrau Angst hoch. Was meinte die Gemahlin des Chevaliers damit? Hilfesuchend schaute sie zu Johannes, der genau so besorgt schien.
Irmingard war während der Audienz zunehmend unruhiger geworden. Je länger diese dauerte, desto mehr gewann sie den Eindruck, dass Heléne Griffon nicht nur eine ausnehmend schöne und kluge Frau war, sondern Dinge aussprach, von denen sie gar nichts wissen konnte. War es das, was der Wirt in Chavanay gegenüber Hubertus nicht zu erzählen gewagt hatte?

 

Irmingard holte verstohlen tief Luft. Schon seit Beginn der Audienz litt sie an einem Engegefühl in der Brust, verbunden mit zunehmender Atemnot. Sie nahm einen Schluck Wein aus ihrem Becher, doch dieser verschaffte kaum Linderung. Als sie bemerkt hatte, wie Heléne Hubertus angeschaut hatte, war ihr unbehaglich geworden. Was sah die Edelfrau, das ihr selbst verborgen blieb? Als der Blick von Heléne zu Irmingard gewandert war, hatte sie sich nervös über die Lippen geleckt und ein hilfloses Lächeln versucht. Dies war jedoch unerwidert geblieben.
Ein leises Kribbeln auf der Haut ließ in Irmingard Angst hochsteigen. War es das Gefühl, das sie bisher nur des Nachts heimgesucht hatte? Sie schluckte krampfhaft. Die Hand mit dem Becher zitterte. Die Worte, welche die Gemahlin von De Manuel an Magdalena gerichtet hatte, hatte sie nur verzerrt wahrgenommen. Das Kribbeln wurde stärker und breitete sich von ihrer Brust langsam über ihren ganzen Körper aus.
Wie durch einen Nebel sah sie, dass die Edelfrau sie musterte. Konnte es sein, dass diese noch blasser geworden war? Verwirrt bemerkte Irmingard, dass Heléne mit weitgeöffneten Augen Anstalten machte, sich zu erheben. „Irmingard! Irmingard, das Böse hat euch bereits berührt. Haltet Stand und gebt ihm nicht nach! Magister André, steht dem Weibe bei!“ Irmingard sah, dass die Edelfrau ihre Flügel ausbreitete, auf den Tisch hüpfte und von dort auf sie zuflog. Glöckchen klangen schrill in ihren Ohren. Abwehrend hob sie den Arm und sah zu ihrer Verblüffung, dass dieser mit einem rauen Fell überzogen war. Die Gestalten von De Manuel und dem Medicus wuchsen bis zur Decke des Saales in die Höhe. Der Wanderfalke auf dem Arm des Edelmanns riss den Schnabel auf und stieß fauchend eine Flamme aus. Irmingard sah mit Schrecken, dass der Kaplan sein Tintenfass nahm und nach ihr warf. Sie wollte ausweichen und neigte sich zur Seite. Dabei verlor sie das Gleichgewicht und stürzte rücklings von der Bank. Rotwein spritzte über den Boden. Der Greifvogel, in den sich Heléne verwandelt hatte, setzte sich auf ihre Brust. Irmingard sah, wie der scharfe Schnabel auf ihr Gesicht herabschnellte. Ein Schrei entfuhr ihr, dann umfing sie Dunkelheit.

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