Leseprobe
Band 2 / Der Tod aus der Wolfgrube
19. Januar 1391, zwischen dem Surenenpass und dem Tätschbachfall
„S´ischt Zeit, umzukehren, odr?“ Jakob Rüdt schaute seine beiden Kameraden erwartungsvoll an. Der eisige Wind hatte ihm beinahe die Worte von den Lippen gerissen. Die drei Jäger verhielten auf dem Weg, den sie von dem Dorf Attinghausen bis hierher zurückgelegt hatten. Alle drei schauten sich prüfend um, während sie ihre Mäntel enger um sich zogen. Links von ihnen erhob sich die massive Bergkette mit dem Krönten, dem Hinteren Schloss und den bizarren Spitzen des Großen und kleinen Spannorts, die wie zusammengelegte Finger aus der Bergkette nach oben ragten. Rechter Hand lagen die Spitzen von Blackenstock, Schlossstock und wie sie alle hießen, unter tiefem Schnee. Die Männer tätschelten ihre Hunde. Hoher Schnee auf dem Pass hatte ihnen das Fortkommen beschwerlich gemacht. Der eisige Wind heulte und ließ sie erschauern. Das Rauschen des Flusses unterhalb ihres Pfades tat ein Übriges, die Verständigung zu erschweren. Auch ihre vierbeinigen Begleiter schienen erschöpft.
Nikolaus Öchsli kniff die Augen zusammen. „Die Dämmerung wird bald einsetzen“, zeigte er nach Westen. „Der weitere Weg nach Engelberg ist zu gefährlich jetzt.“ Der Dritte im Bunde, Wilhelm Welsch, stieß mit seinen Stock ärgerlich auf dem Boden auf. „Wieder ein unnützer Tag“ brummte er. „Und wir sind schon vor Sonnenaufgang los und gerade mal am Stäuber vorbei. Aber der vermaledeite Schnee lässt uns nit weiter vorwärts komm´n. Es wird vielleicht eh Mitternacht, bis wir z´rück sind. Also s´ischt recht, Jakob, kehren wir um!“
Verstohlen atmete Rüdt auf. Den ganzen Tag waren die Drei schon auf der Jagd nach dem seltsamen Untier, das in den vergangenen Monaten so viel Angst und Schrecken verbreitet hatte. Sie hatten es deshalb auch auf sich genommen, den Surenen zu überqueren und sich nach Engelberg zu wenden, was im Winter nur unter größter Kraftanstrengung möglich war. Doch danach fragten sie angesichts der grausigen Bedrohung nicht. Was war das nur für eine Kreatur? Rüdt konnte nicht glauben, dass es sich um die Abart eines Bären handelte, wie immer wieder erzählt wurde. Sein mit über dreißig Jahren Jagderfahrung geschärfter Instinkt für die Tierwelt in den hiesigen Bergen sagte ihm, dass dieses Wesen etwas war, womit er noch nie zu tun gehabt hatte.
Ein Tier, das Kinder raubte, mit sich forttrug und danach gleichsam wie von Zauberhand verschwand, war nicht zu vergleichen mit allem, was Rüdt je gesehen hatte. Der Jäger war jetzt 48 Jahre alt und in der ganzen Umgebung als ruhig und bedächtig geachtet. Aufmerksam hatte er sich alle Berichte angehört, die von dem Untier erzählten, hatte gründlich abgewogen und versucht, aus Gerüchten, Übertreibungen und tatsächlichen Geschehnissen seine Schlüsse zu ziehen.
Niemand hatte das Tier gesehen. Doch es musste groß sein. Sehr groß. Wie war es sonst in der Lage gewesen, gleich zwei oder sogar drei Kinder, wie es vorgekommen sein musste, zu tragen? Und es musste die Kinder irgendwie getragen haben. Niemand hatte Spuren gefunden, dass eines der Vermissten an Ort und Stelle getötet und gefressen oder achtlos liegen gelassen worden war.
Rüdt hatte sich die Spuren genau beschreiben lassen. Sie schienen entfernt denen von sehr großen Bären zu gleichen. Ein Bär aber, vor allem wenn er auf der Flucht war, lief auf allen Vieren. Doch dieses Wesen ging aufrecht!
Was Rüdt noch weiter beunruhigte, war die Tatsache, dass zwischen diesen rätselhaften Spuren auch Pfotenabdrücke von Wölfen festgestellt worden waren. Die Abdrücke mussten den Erzählungen der Zeugen nach zur gleichen Zeit entstanden sein wie die unbekannten Spuren. Auch wenn es kaum glaubhaft schien, so konnte dies bedeuten, dass die Kreatur und die Wölfe gemeinsam Jagd gemacht hatten. Rüdt wusste, Wölfe waren Rudeltiere, die einem ranghohen Anführerpärchen, einem Rüden und einer Wölfin, gehorchten. Diese Leitwölfe hatten einen außerordentlich strengen Geruch, der ihren Rang deutlich machte. In seltenen Fällen hatte Rüdt auch beobachtet, dass Wölfe einem einzigen Tier gehorchten. Verhielt es sich hier ebenso? Zeugen hatten berichtet, dass sie einen sehr schwachen, gleichwohl abstoßenden Geruch wahrgenommen hatten, auch wenn niemand das Tier – oder war es etwas anderes? – leibhaftig gesehen hatte. War es also denkbar, dass dieses seltsame Wesen kein Bär, sondern ein Wolf war? Ein riesiger Wolf, der aufrecht ging und mit seinen Pranken die Kinder griff, beschützt von seinem Rudel? Aber weshalb dann diese Spuren, die an Bärentatzen erinnerten?
Rüdt hatte sich den Kopf zermartert und war zu keinem befriedigenden Ergebnis gekommen. Und……. wo waren die Vermissten? Von ihnen wurde nichts gefunden, keine Leichen, keine Überreste. Spuren im Schnee verloren sich bald im Dickicht der Wälder. Auch südwestlich des Weges nach Engelberg, unweit des Wissbergs, waren kurz nach der Jahreswende in der Dämmerung vier Kinder spurlos verschwunden, die miteinander am Waldrand gespielt hatten. Es hatte sich um zwei Knaben mit ihren Freunden vom Nachbarhof gehandelt. Sie waren zwischen acht und elf Jahren gewesen. Auch hier wurden die seltsamen Abdrücke, umgeben von Wolfsspuren, gefunden. Und hier fand sich erstmals eine größere Menge Blut. Rüdt hatte den Schauplatz selbst in Augenschein genommen. Als er die Blutspritzer sah, hatte auch er, der hartgesottene Jäger, sich die Hand vor den Mund halten müssen. Das unbekannte Wesen schien in rasender Wut gewesen zu sein.
Ebenso wie in den anderen Fällen wurden auch diesmal Hunde eingesetzt, um die Kreatur zu jagen. Und die Tiere hatten diesmal die Spur des unbekannten Wesens bis zu einer beinahe senkrecht aufsteigenden Felswand unterhalb des Titlis verfolgt. Während sich die Wolfsspuren im angrenzenden dichten Wald verloren, fragten sich die Jäger verblüfft, ob die unbekannte Kreatur etwa mit ihren Opfern hier hinaufgestiegen war.
Jakob Rüdt hatte aufgrund dieser Erkenntnisse den Schluss gezogen, dass es sich bei dem eigentümlichen Wesen um ein Tier handeln musste, das hier noch nicht lange lebte. Es bewegte sich lautlos und geschickt. Es konnte zugreifen, musste also so etwas wie Hände haben. Es war groß und jagte möglicherweise gemeinsam mit Wölfen. Es konnte Felswände hinaufsteigen, womöglich sogar, wenn es Beute trug. Es bevorzugte bei seinen Opfern wehrlose Kinder als leichte Beute und verschleppte sie. Rüdt vermutete, dass es auch auf Bäume klettern konnte. Er war einer der Jäger gewesen, die gezielt nach Spuren im Schnee gesucht hatten. Doch wenn das Wesen nicht fliegen konnte, dann musste es auf Bäume geklettert sein. Und es musste irgendwo einen Unterschlupf haben, wo es seine Beute hinbrachte. Nur Gott wusste, was es dort mit den Opfern anstellte. Rüdt war sicher, dass sich dieses Tier in einem abgegrenzten Revier bewegte. Verteidigte es etwa dieses Revier? Betrachtete es alle als Feinde, die seinem Versteck nahe kamen? Aber wo war dieses Versteck? Vor Rüdt´s innerem Auge erschien eine Art Höhle, aus deren Dunkelheit sich bedrohlich ein riesiger schwarzer Schatten löste und sich dorthin bewegte, wo seine Opfer wie ein Wintervorrat vergraben lagen. Und dieser Schatten ging aufrecht.
Den erfahrenen Jäger Rüdt hatte bei diesen Gedanken ein Gefühl beschlichen, das er lange nicht mehr gekannt hatte: Angst. Würgende Angst.
Das Kloster Engelberg hatte bei den eidgenössischen Schirmorten um Hilfe angefragt. Da zwischen Uri und Engelberg seit geraumer Zeit Grenzstreitigkeiten herrschten, die sich auch auf den das Gebiet des Surenenpasses bezogen, hatten die Urner nur zögernd reagiert.
Schließlich aber hatte sich Uri entschlossen, dem Kloster Hilfe zu gewähren und auf dem Weg, der über den Surenenpass zur Abtei führte, nach dem Untier suchen zu lassen.
Als Rüdt davon erfuhr, hatte er sich sofort gemeldet. Ihm war klar, dass ungeachtet aller Grenzkonflikte der unbekannten Bestie Einhalt geboten werden musste. Und er fühlte sich mit seiner langjährigen Erfahrung für die Jagd auf das Untier geeignet. Zudem war er alleinstehend, niemand wartete auf ihn.
Obwohl dies vielleicht nicht ganz stimmte. Er dachte an die Frau, in die er vor vielen Jahren verliebt gewesen war und die dann einen anderen heiraten musste. Und jetzt ging in Attinghausen das Gerücht, ihr Mann läge im Sterben.
`Vroni´, dachte er sehnsuchtsvoll. `Du bist immer noch so schön wie früher. Und ich liebe Dich immer noch….. In vielen Zeilen habe ich dies niedergeschrieben.´ Rüdt hatte in den einsamen Stunden der letzten Jahre, in denen er seiner verlorenen Liebe nachtrauerte, seine Leidenschaft zum Schreiben entdeckt. Zunächst mehr als mühsam, brachte er nach und nach mit selbstgefertigtem Federkiel Buchstabe für Buchstabe auf Pergamentblätter. Die Gedichte und Anekdoten, die er niederschrieb, spendeten ihm Trost und füllten die leeren Stunden seines Lebens. Und so schrieb er, wenn er nicht auf der Jagd war, Blatt um Blatt. Er hütete sich allerdings, jemals einem anderen davon zu erzählen.
Rüdt schüttelte diese Gedanken ab. Er war schon viel zu weit abgeschweift. Irgendetwas aber nagte an ihm. Etwas, was die Zeugen gesagt hatten und was ihn der Lösung des Rätsels näher bringen würde. Doch so sehr er auch nachdachte, jedes Mal, wenn er den Gedanken zu erhaschen suchte, entfleuchte ihm dieser. Schließlich gab er auf. Es hieß nun, sich auf die Jagd nach der unbekannten Kreatur zu konzentrieren. Verstohlen musterte Rüdt seine Begleiter. Dass ihm die mehr als zwanzig Jahre jüngeren Nikolaus Öchsli und Wilhelm Welsch zugeteilt worden waren, hatte ihm, dem bedächtigen ruhigen Mann, nicht gefallen. Nikolaus Öchsli war genauso wie Welsch ein Draufgänger. Beide stürzten sich gerne in Gefahren, ohne lange nachzudenken. Rüdt schätzte es zwar durchaus, wenn Männer Mut zeigten. Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte, nicht zuletzt bei der Schlacht von Sempach vor fünf Jahren gegen die Habsburger, hatte ihn aber auch anderes gelehrt. Bei der Schlacht waren zahllose Angehörige des schweizerischen Adels und Kleinadels gefallen. Ihm, dem einfachen Kämpfer Rüdt, der den Kampf schwer verletzt überlebt hatte, war bei der langen Genesung klar geworden, dass strategisches Denken und geduldiges Warten auf dem Schlachtfeld wie auch auf der Jagd mindestens genauso wichtig waren wie Mut.
Zudem war er jetzt im fortgeschrittenen Alter gezwungen, mit seinen Kräften mehr zu haushalten als in früheren Jahren. Der heutige Tag mit dem kräfteraubenden Aufstieg und der anschließenden mühsamen erfolglosen Pirsch hatte ihn erschöpft. Er gestand sich ein, jetzt lieber zu Hause sein zu wollen, um neben einem Becher Wein einige Zeilen auf ein Pergament zu bringen.
Er hob den Kopf. Während er prüfend den Weg entlang schaute, der sich vor ihnen sanft absteigend wand, und in die Schlucht führte, formte sich in seinem Gehirn ein Gedanke. „Wolfsgrube“. Im Heulen des Windes wurde das Wort, das er unwillkürlich in ehrfürchtigem Ton ausgesprochen hatte, verweht. Die Erkenntnis traf ihn unvermutet, aber dafür um so tiefer. Von der Wolfsgrube hatte ihm, als er noch ein kleiner Knabe war, schon sein Großvater erzählt. „Ein verwunschener Ort in den Bergen ist es, vom Teufel selbst geschaffen, der dort einen Schatz vergraben hat. Dorthin ziehen sich die großen Wölfe zurück, um Kraft zu sammeln, bevor sie wieder auf Jagd gehen. Der Eingang zur Wolfsgrube ist vor allen Augen verborgen. Nur in Vollmondnächten kann man ihn finden. Kein Wort darf man sprechen, hat man erst das Loch gefunden, in dem der Schatz liegt. Kein Wort, will man den Schatz dann heben. Manch einer hat sich schon aufgemacht, dorthin zu gelangen und zu Reichtum zu gelangen. Diejenigen aber, die die Wolfsgrube entdeckt haben, sind nicht zurückgekehrt.“
Vor Rüdt´s Auge zogen lange verdrängte Erinnerungsfetzen vorbei. Ein Streit zwischen seinen Eltern und die Tränen seiner Mutter. Die letzte Vollmondnacht des Monats. Sein Vater und sein Oheim, die sich vor dem Haus trafen. Er selbst, der ihnen heimlich folgte. Ein scheinbar nicht enden wollender langer Fußmarsch über den Pass. Links von dem Fluss war es gewesen, daran erinnerte er sich noch. Ein steiler Anstieg durch Geröllfelder und karge Wiesen. Ein Waldstück. Wiederum unendlich sich windende, kaum wahrnehmbare Pfade. Eine wie ein Zeigefinger drohend aufragende einzelne Felsnadel. Eine schmale, kaum wahrnehmbare Spalte hoch in einer Felswand, die das Mondlicht sichtbar gemacht hatte. War da nicht auch ein Weiher, ein Tümpel oder ein kleiner Bach am Fuße der Felswand gewesen? Rüdt wusste es nicht mehr. Er wusste nur noch, dass sein Vater und sein Onkel in der Spalte verschwunden waren. Gefolgt war er ihnen, war mühsam hinaufgeklettert und hatte sich durch die Spalte gezwängt. Ein weiter Talkessel voller Herbstlaub, in den er vorsichtig hinabgestiegen war. Bedrückende Stille. Fackeln, die unsicher geschwenkt wurden. Urplötzlich Schatten, schnell wie der Wind. Grausiges Heulen, Knurren, Todesschreie. Er war in blindem Entsetzen schreiend durch den Talkessel gerannt und hatte sich durch eine Öffnung in eine Höhle gezwängt. Namenloses Grauen in der Dunkelheit. Große rechteckige Felsen, die sich beim Tasten wie Schreine anfühlten. Ein endloser Gang und eine erneut schmale Spalte, kaum eine Elle breit, durch die fahles Licht schimmerte. Schließlich die aufgehende Sonne zwischen den Bäumen…
Jakob Rüdt schluckte, als die Erinnerung ihn wieder heimsuchte. Als er gerade einmal zehn Jahre alt war, war er heimlich seinem Vater und dessen Bruder gefolgt, als diese sich in einer Vollmondnacht aufgemacht hatten, die Wolfsgrube zu suchen und den Schatz des Teufels zu bergen. Er hatte von seiner Kammer aus den Streit zwischen seinen Eltern gehört. Er hörte noch die verzweifelten Worte seiner Mutter, die ihren Mann anflehte, von dem Vorhaben abzulassen. Sein Vater aber hatte sich nicht abbringen lassen. Gemeinsam mit dem Oheim des jungen Jakob war er losgezogen.
Jakob Rüdt, von der Geschichte, die ihm der Großvater erzählt hatte, fasziniert, war ihnen heimlich nachgelaufen. Unendlich lange, so schien es ihm heute, waren sie unterwegs gewesen, waren manch falschen Fährten gefolgt und hatten umkehren müssen. Aber sie hatten den Eingang gefunden. Das Mondlicht hatte ein schwaches silbernes Band gezeichnet, das sich auf einer Wasseroberfläche gespiegelt hatte. Er war ihnen durch die schmale Felsspalte gefolgt, die, allen Blicken verborgen, hoch in einer Felswand lag.
Jakob Rüdt schloss die Augen und versuchte, die Erinnerung niederzukämpfen. Das Unternehmen hatte grausam geendet. Er sah noch, wie sein Vater und sein Oheim von den Wölfen zerrissen wurden. Er selbst hatte sich, blind vor Angst, schreiend in eine Höhle geflüchtet, die im Talkessel lag. Die Wölfe hatten ihn verfolgt. Noch heute spürte er den heißen Atem in seinem Nacken, als es ihm mit mehr Glück als Verstand gelungen war, sich in die Höhle in einen schmalen Durchgang zu flüchten. Mit der Kraft der Verzweiflung hatte er einen großen Steinbrocken vor den Durchgang gewälzt. Die Kiefer, die ebenso gierig wie vergeblich nach ihm schnappten, sah er noch immer deutlich vor sich.
Es dauerte zwei Tage, bis er nach einem kräftezehrenden Irrmarsch, durch und durch verängstigt, nach Hause gekommen war. Seine Mutter war außer sich vor Sorge gewesen. Zunächst überwog die Erleichterung, den Sohn wohlbehalten wieder zu haben. Dann war sie weinend zusammengebrochen, als er stockend das Erlebte erzählte. Amtleute waren verständigt worden. Hohe Herren, darunter auch Angehörige der Geistlichkeit, hatten die Geschichte mit zweifelndem Kopfwiegen angehört. Seine Tante hingegen hatte seine Erzählung stumm verfolgt. Wenige Wochen nach der Tragödie hatte sie den Schleier genommen und war ins Kloster St. Andreas nach Engelberg gegangen.
Er selbst hatte noch Jahre später unter schlimmsten Träumen gelitten. Obwohl die Amtleute noch am Tag nach seiner Befragung Knechte mit Hunden entsandt hatten, die Wolfsgrube zu finden, war die Suche ergebnislos geblieben. Der Mond war abnehmend und nichts verriet den Eingang zu dem Talkessel. Auch einen Monat später, als wieder Vollmond war, hatten die Sucher nur die Felsnadel gefunden. Danach war jede Suche vergeblich verlaufen. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass der Himmel diesmal auch nächtens voller Wolken war. Auch die Hunde hatten keine Spur aufnehmen können. Man hatte daraufhin seine Erzählung als Hirngespinst abgetan. Und Rüdt selbst? Niemals wieder unternahm er den Versuch, den geheimnisvollen Ort zu finden, den angeblichen Schatz zu heben und reich zu werden. Und als sich in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten die Auseinandersetzungen zwischen dem Hause Habsburg und der Waldstätte schließlich immer mehr zugespitzt hatten, verschwendete er an diese Geschichte keine Gedanken mehr. In der Schlacht bei Sempach vor fünf Jahren hatte die Feindschaft zwischen den Parteien ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden. Rüdt hatte die Grausamkeit des Krieges in allen Formen kennen gelernt. Und auch danach gab es immer wieder Scharmützel. Für Knabenträume von versteckten Schätzen war kein Platz mehr.
Doch jetzt war sie ihm wieder eingefallen, die geheimnisvolle Wolfsgrube, von der außer ihm niemand wusste, ob es sie wirklich gab und wo sie sein mochte. Ein Versteck, das der Teufel selbst gemacht hatte, um seinen Schatz zu verbergen. Nun verbarg es ein Wesen, das ebenfalls der Hölle entstiegen zu sein schien. Wenn die Bestie dort ihren Unterschlupf gefunden hatte…… Rüdt lief es eiskalt den Rücken herunter. Mühsam schüttelte er den Gedanken ab. Darüber wollte er zu Hause bei warmem Kaminfeuer und einem guten Becher Wein nachsinnieren. Oder vielleicht bei zweien oder dreien. Überdies ließ sich die Einsamkeit des alternden Junggesellen damit betäuben. Mit schlechtem Gewissen nahm er sich vor, so bald als möglich seine Tante in Engelberg zu besuchen. Sie hatte bei ihrer Aufnahme den Ordensnamen Martha erhalten. Rüdt hatte sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Ob sie noch lebte?
Mit einem Mal war Rüdt hellwach. Dies lag aber nicht an den Unbilden der Natur. Unvermittelt war ein anderes wohlvertrautes Gefühl in ihm aufgestiegen. Das Gefühl nahender Gefahr. Ihm sträubten sich die Nackenhaare. Er spürte, ohne dass er es näher erklären konnte: Die Kreatur war irgendwo in der Nähe. Der Jäger lauschte. Alles war still. Nur der Wind heulte und formte Schneewehen. Jakob Rüdt´s Augen schweiften den Weg entlang, der in das Tal nach Engelberg führte. Nichts rührte sich. Es schien, als sei alles Leben erstarrt. Und doch hatte er die untrügliche Gewissheit, dass sie beobachtet wurden. Er schluckte. Die Erkenntnis, dass sie nicht mehr Jäger, sondern Gejagte waren, fuhr ihm in die Glieder. Öchsli und Welsch hatten nicht auf ihn geachtet, sondern redeten leise miteinander. Gerade als Rüdt den Mund öffnete, um seine Kameraden zu warnen, schlugen die Hunde an. Die Tiere zerrten in die Richtung, in die der alte Jäger gerade geschaut hatte. „Sie hab´n was gewittert!“, rief Welsch. „Auslassen!“, befahl Rüdt. Sie ließen die Hunde los, die sich sofort aufgeregt bellend durch den hohen Schnee kämpften. Alle Erschöpfung schien vergessen. Bald waren die Tiere um die nächste Wegbiegung verschwunden. Sogar Rüdt´s eigener Hund hatte sich vom Jagdeifer mitreißen lassen. Nur zorniges Kläffen war zu hören. Die Waidmänner spannten ihre Armbrüste und folgten ihnen. Aber der Schnee ließ sie nur mühsam weiter kommen, während das Gebell vor ihnen immer wütender wurde. Jakob Rüdt spürte, dass ihn der heutige Tag viele Kräfte gekostet hatte. Während Welsch und Öchsli voraus stürmten, blieb der grauhaarige Jäger immer weiter zurück. Dann stolperte er über eine unter dem Schnee verborgene Wurzel und stürzte. Sein überraschter Schrei ging im Pfeifen des Windes unter. Er schlug hin, wobei ihm seine Armbrust aus der Hand glitt. Der aufgelegte Bolzen verschwand im schier endlosen Weiß. Fluchend raffte er sich mühsam auf, zog einen anderen Bolzen aus seinem Futteral und machte seine Waffe wieder schussbereit. Er sah nach vorne und bemerkte erschrocken, dass seine Kameraden schon um die Biegung verschwunden waren. Rüdt stapfte keuchend vorwärts, um sie wieder einzuholen, musste aber bald atemlos innehalten. Er verwünschte sein Alter. Dann vernahm er verwundert, wie das Gebell der Hunde schlagartig verstummte und plötzlich in ein klägliches Jaulen und Winseln überging. Unmittelbar danach hörte der Jäger, wie Öchsli und Welsch Schreckensrufe ausstießen. Geradezu panische Schreie drangen an sein Ohr. Dazwischen mischte sich ein tiefes Knurren und Grunzen, das ihn im Innersten erzittern ließ. Rüdt blieb wie angewurzelt stehen. Große Felsen nahmen ihm die Sicht, so dass er nichts erkennen konnte. Für einen kurzen Moment war alles still. Plötzlich ertönte vielstimmiges Wolfsgeheul. Rüdt wusste, seine Kameraden waren in Todesgefahr. Er musste ihnen helfen! Aber durch seinen Körper lief ein Zittern, das er nicht unter Kontrolle brachte. Er öffnete den Mund, um nach seinen Kameraden zu rufen. Doch kein Laut kam über seine Lippen. Er vermochte nicht einmal, weiterzulaufen. Geräusche ertönten, die wie Kampfeslärm klangen. Es hörte sich aus der Ferne an wie Lanzen, die sich in Fleisch bohrten. Die Schreie, die danach an sein Ohr drangen, gingen ihm durch Mark und Bein. Er wusste, es waren die Todesschreie seiner Kameraden. Doch klangen sie nicht mehr menschlich. Dann war alles still. Rüdt spürte etwas Warmes in seiner Hose. Er schaute ungläubig nach unten. Er hatte sich in die Hose gemacht. Nie zuvor war ihm dies passiert.
Noch während er versuchte, das zu glauben, was er sah und spürte, überlief ihn ein eisiger Schauer. Das Knurren ertönte erneut, diesmal ganz aus der Nähe. Rüdt sank in die Knie. Die Armbrust fiel ihm aus seiner zitternden Hand. So blieb er einige Augenblicke, willenlos und wie in einem grauenhaften Traum. Erst ein eisiger Windstoß brachte ihn wieder zur Besinnung. Er rappelte sich hoch und floh in blindem Schrecken Hals über den Kopf zurück, von wo er gekommen war.
02. April 1391, Kloster Engelberg
Die Terz war vorüber und Johannes verließ gemeinsam mit zahlreichen anderen Gläubigen die Kirche des Männerkonvents. Als Gast hatte er zwischen den Bauern, Lehensnehmern, Handwerkern und Hörigen im Laienschiff Platz nehmen müssen. Dies aber hatte ihn nicht daran gehindert, Gott während der Andacht innig für die glücklich vollbrachte Reise zur Abtei zu danken. Er verließ das Gotteshaus und sah sich um. Verwundert bemerkte er, dass die Bauern mitnichten Anstalten machten, rasch das Kloster zu verlassen. Während sich die Knechte der Abtei zu ihrer Arbeit innerhalb der Anlage begaben, standen ganze Familien in Gruppen zusammen und tuschelten. Ihre Gesichter drückten Sorge aus. Suchten diese Menschen etwa aus Angst vor der Kreatur Schutz hinter den Mauern der Abtei? Doch Johannes verdrängte diese Gedanken. Er hatte einen Auftrag zu erfüllen. So lief er am inneren Tor vorbei über den abschüssigen Vorhof zum Gästehaus. Er beabsichtigte, nunmehr das Buch, das ihm in Bregenz anvertraut worden war, zurückzugeben. Er hoffte, dass die Magistra ihn empfangen würde. Er trat durch die Türe, die sich im Giebel des großen Gebäudes befand und nickte der jungen Ordensfrau zu, die in einem mit sorgfältigen Schnitzereien versehenen Kämmerchen aus dunklem Holz gegenüber der Türe saß.
Johannes trat ein. Wie in allen Klöstern, in denen ihm von Abt oder Äbtissin eine Audienz gewährt worden war, kniete er nach dem Eintreten nieder und beugte das Haupt. Eine schmale Hand mit einem Siegelring rückte in sein Blickfeld. Er berührte mit den Lippen den Ring und sah sogleich wieder auf den blankpolierten steinernen Boden. „Erhebt Euch!“, ertönte eine helle Stimme. Johannes stand langsam auf, den Blick immer noch auf den Boden gerichtet. „Gelobt sei Jesus Christus“, erklang die Stimme erneut. „In Ewigkeit, Amen“, antworteten Johannes und Schwester Anna gleichzeitig. „Erhebt Eure Augen.“ Johannes folgte der Aufforderung. Vor ihm stand eine schlanke, etwa vierzigjährige Frau mit wachen grünen Augen, die ihn aufmerksam musterten. Unter dem schwarzen Schleier der Meisterin mochten sich rotblonde Haare verbergen, von denen einige wenige frech hervorlugten. Kleine Fältchen an ihren Mundwinkeln, dazu eine schmale Nase und hohe Wangenknochen ließen erahnen, dass sie eine über die Maßen attraktive Frau war. In der Welt außerhalb der Klostermauern hätten sicherlich zahllose Männer um sie gefreit. In ihrem Ordensgewand aber strahlte sie eine ruhige Autorität aus. Sie trat langsam hinter den Schreibtisch, der sich an der Stirnseite der Kammer befand und setzte sich sorgsam. Dann bedeutete sie Johannes, auf der kleinen Bank, die sich vor dem Tisch befand, Platz zu nehmen. Johannes dankte mit einem Nicken und setzte sich. Schwester Anna blieb stehen, beide Hände in die Ärmel ihrer Kutte gesteckt. Magistra Margaretha streckte in einer majestätischen Geste die Hand aus. Johannes überreichte der Meisterin seine Empfehlungsschreiben. Während die Magistra las, musterte der Mönch rasch die Kammer, in der er sich befand. Sie besaß ein Gewölbe, war aber bedeutend kleiner als das Amtszimmer von Abt Heinrich in Bregenz oder das der Äbtissin Ursula in Geisenfeld. Die Kammer war schlicht, weiß getüncht und ohne jedes Bildnis. Auf dem aus hellem Holz sorgsam gearbeiteten Schreibtisch stand außer einem Töpfchen nebst einem Federkiel sowie einer kleinen bronzenen Glocke nur ein gedrechselter Kerzenhalter mit geschmiedetem dreibeinigem Eisensockel. Auf der oberen runden, geriffelten Platte brannte eine Kerze mit dem Abbild der Heiligen Maria Mutter Gottes, das Jesuskind auf dem Arm. An der Wand hinter dem Schreibtisch hing ein sorgsam geschnitztes großes Kreuz. An der rechten Seite des Raumes stand eine große, etwa zwei Ellen hohe und sechs Ellen lange Truhe aus hellem Holz, die mit schweren Beschlägen und vier Schlössern gesichert war. Die Truhe war so groß, dass ein Knabe oder eine Maid bequem darin Platz gefunden hätte.
Die linke Wand der Kammer war ebenfalls ohne jeden Schmuck. Nur in der Mitte befand sich eine geschlossene Türe aus dunklem Holz.
Die Magistra las zuerst das Coburger Empfehlungsschreiben. Als ihre Augen über die letzten Zeilen glitten, stutzte sie. Sie rollte das Schriftstück zusammen und legte es sorgfältig auf die Tischplatte.
Dann richtete sie ihre Augen auf den Mönch und musterte ihn prüfend. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht, von dem Johannes nicht wusste, wie es zu deuten war. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem zweiten Empfehlungsschreiben zu. Johannes bemerkte, wie sich die Augenbrauen der Meisterin erstaunt hoben, je länger sie las.
Als Magistra auch die Worte des zweiten Schreibens gelesen hatte, ließ sie das Schriftstück sinken und schaute den Besucher forschend an. „Nun Bruder Johannes, berichtet mir von Euch und Eurer Pilgerfahrt“, forderte sie den jungen Mönch auf. Johannes erzählte also von seinem Heimatkloster und den Aufgaben, die er in Coburg innegehabt hatte. Er erwähnte die schwere Erkrankung seines Abtes und berichtete, dass ihn dieser nach Santiago geschickt habe, um für sein Seelenheil zu beten. Das Messer mit dem Heiligen Holz ließ er wie schon in Bregenz unerwähnt. Als er in knappen Worten seinen Aufenthalt im vergangenen Jahr in Geisenfeld erwähnte, schien ihm, als würden die Gesichtszüge der Meisterin erstarren. Doch währte dies kaum einen Lidschlag lang, so dass er sich fragte, ob er nicht einer Täuschung erlegen war. Er schilderte seine Reise nach Bregenz, ohne dabei auf deren dramatische Umstände einzugehen. Er erklärte nur, im Kempter Wald von Strauchdieben überfallen und von Spielleuten gerettet worden zu sein. Er erwähnte lobend und voller Dankbarkeit die Zeit der Aufnahme im Kloster Mehrerau und schloss mit der Erwähnung des Buches, das er nunmehr auszuhändigen habe.
Die Meisterin sah ihn mit ihren klugen grünen Augen unentwegt an, lauschte aufmerksam seiner Erzählung und unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Als er geendet hatte, lehnte sie sich nachdenklich zurück. Nach einer Weile des Schweigens bedeutete sie Johannes mit einer Geste, das Buch vorzulegen. Der Mönch nahm das blaue Bündel und legte es achtsam auf den Schreibtisch. „Das Tuch hat ein wenig gelitten, als ein Felssturz am Etzelpass niederging“, sagte Johannes entschuldigend. „Doch entstand kein Schaden“, fügte er hastig hinzu.
Meisterin Margaretha winkte Schwester Anna, die bislang geschwiegen hatte. Diese trat näher und öffnete das Tuch. Sie entnahm ein Stück Pergament und reichte es der Magistra, die es überflog und beiseite legte. Dann schlug Anna das blaue Tuch zurück und trat sogleich zur Seite. Zum Vorschein kam das Kettenbuch, das Johannes schon im Skriptorium in Bregenz gesehen hatte. Die Magistra ergriff das Buch, wog es in den Händen und nahm es sorgsam in Augenschein. Sie schlug es auf und blätterte darin. Dann sah sie zuerst Anna, dann ihren Besucher an und nickte zufrieden. „Das Buch ist unversehrt. Gepriesen sei Gott, dass es den Felssturz ohne Schaden überstand. Zum Dank dafür, dass Ihr das Werk heil zurückbrachtet, gewähre ich Euch einen Blick hinein. Es ist ein wertvolles Buch über Heilpflanzen. Eine meiner Mitschwestern brachte es im vergangenen Herbst aus ihrem damaligen Konvent mit. Es leistet uns im Infirmarium große Dienste beim Heilen der Kranken.“ Sie sah Schwester Anna an, die das Buch nahm und Johannes überreichte. Dann gab die Magistra ihrer Mitschwester einen Wink. Anna beugte sich zur Meisterin. Diese flüsterte einige Worte, die Johannes nicht verstehen konnte. Schwester Anna nickte und verließ die Kammer der Meisterin durch die Zwischentüre in den nebenliegenden Raum.
Währenddessen besah sich Johannes das Kettenbuch. Er wunderte sich über diese Gunst, war es doch unüblich, dass Außenstehende darin lesen durften, noch dazu in Gegenwart einer Leiterin eines Konvents. Dennoch wendete er vorsichtig Blatt für Blatt. Auf manchen Seiten waren mit kräftigem Federstrich in gestochen scharfer Schrift Erfahrungen mit den Kräutern an den Rand kommentiert.
Johannes stutzte. Als ihm klar wurde, was er da betrachtete, entfuhr ihm unwillkürlich ein Laut der Überraschung. Er kannte diese Schrift! Es war ihre Schrift! Ungläubig hob er den Kopf und sah die Meisterin an, die sich wieder zurückgelehnt hatte und ihn aufmerksam betrachtete. Das konnte nicht sein! Wieder beugte er sich über das Buch, so weit, bis seine Nase beinahe die Seiten berührte. Jeden Buchstaben fuhr er mit dem Zeigefinger nach. Er dachte angestrengt nach. Aufgeregt schlug er Seite um Seite um. Auf gut drei Dutzend der Blätter waren diese Kommentierungen angebracht.
Er sammelte mühsam seine Gedanken. Im vergangenen Jahr in Geisenfeld hatte er ihr einmal zugesehen, wie sie über einem Buch saß, das verschiedenste Heilpflanzen und ihre Wirkungen beschrieb. Dabei hatte sie ihre Erfahrungen an den Rand kommentiert. Wie ihre Stimme, so hatte auch ihre Schrift eine unverwechselbare Note. Schwungvoll, im Bewusstsein Ihres Wissens über die Heilkunst, so hatte sie ihre Anmerkungen niedergeschrieben.
Es gab keinen Zweifel. Dieses Buch, das er in Händen hielt, war das, welches er in Geisenfeld gesehen hatte! Und es war von Magdalena beschrieben worden! `Ganz ruhig´, ermahnte er sich. `Ruhig nachdenken. Es kann sich um einen Zufall handeln.´ Vielleicht stammte das Buch aus Geisenfeld und war auf verschlungenen Wegen hierhergekommen. Und sogar, wenn das nicht der Fall sein sollte, dann konnte es immer noch sein, dass in Engelberg eine Schwester lebte, welche dieselbe Handschrift hatte wie die geliebte Frau. Doch was hatte die Meisterin gesagt? `Eine meiner Mitschwestern brachte es im vergangenen Herbst aus ihrem damaligen Konvent mit.´
In Johannes´ Kopf wirbelten die Gedanken. Wieder sah er die Magistra an, die ihn unverwandt schweigend betrachtete. Er öffnete den Mund. Doch bevor er etwas sagen konnte, hob die Meisterin Einhalt gebietend die Hand. Sie ergriff die kleine bronzene Glocke, die auf dem Schreibtisch stand. Ein helles Klingeln ertönte.
Die Türe zur nebenstehenden Kammer öffnete sich. Johannes wandte den Blick dorthin und erstarrte. Im Türrahmen stand Schwester Simeona, die ehemalige Leiterin des Skriptoriums aus Geisenfeld und sah ihn mit kalten Augen an.