Leseprobe
Band 1 / Ilmgrund
Geisenfeld, Ende April 1384
Die Sonne war untergegangen und nichts deutete auf das Drama hin, das sich in dieser Nacht ereignen sollte. Im Markt Geisenfeld kehrte Ruhe ein. Wieder hatten viele Bürger dem Possenspiel und Schabernack der Spielleute, die sich seit Wochen hier aufhielten, zugesehen. Auf der Wiese an der Ilm unterhalb des Benediktinerinnenklosters, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten, spielten sie Nachmittags und Abends. Auch heute waren wieder manche Geisenfelder zum Gaudium des Publikums hervorgeholt und mit harmlosen Versen oder spitzen Bemerkungen aufgezogen worden.
Jongleure wirbelten Bälle in der Luft, so dass den Zuschauern schwindlig wurde. Bänkelsänger erzählten Moritaten aus alter Zeit und ein Spielmann sang herzzerreißende Balladen, wie es ein Minnesänger nicht besser vermocht hätte. Puppenspieler brachten Geschichten aus Tausendundeiner Nacht dar, ein Zauberer ließ Eier verschwinden und holte stattdessen einen ausgewachsenen Pfau unter dem Rock einer Bürgerin hervor, was lautes Gelächter hervorrief. Ein Messerwerfer traf mit seinem Dolch jedes Ziel punktgenau, das ihm das Publikum nannte, war es auch noch so klein. Große Bewunderungsrufe waren sein Lohn.
Am Schluss der Vorstellung waren die Kinder der Künstler umhergegangen und hatten wie jeden Abend Geld gesammelt. Doch die Ausbeute war dieses Mal geringer als sonst gewesen.
Auf einen kalten Winter war ein regenarmes Frühjahr gefolgt und es stand zu befürchten, dass die ausgebrachten Saaten nicht mehr in ausreichendem Maße aufgingen. Nur kümmerlich sprossen die neuen Pflanzen. Auch der Hopfen, der hier schon seit Hunderten von Jahren angebaut wurde, wuchs nur sehr langsam. In den nächsten Wochen sollte er an die Wuchshilfen aufgebunden werden. Doch es war unsicher, ob dies heuer rechtzeitig möglich war.
Jeden Tag ging die Sonne über einem strahlend blauen Himmel auf, der keinen Regen brachte. So gerne sich die Menschen von den Gauklern zerstreuen lassen wollten, so sehr hielten sie ihr weniges Bares zusammen.
Auch die fahrenden Künstler machten sich nun ernsthafte Sorgen. Nicht nur, dass die Einnahmen karg waren, auch waren die Einwohner des Marktes nicht mehr so gastfreundlich wie nach den ersten Vorstellungen. Hatte man gar den Kindern anfangs sogar einige Leckereien zugesteckt, so kam dies kaum noch vor. Ja, manchmal, wenn die Spielleute durch die Geisenfelder Gassen gingen, konnte es passieren, dass sie beschimpft oder „versehentlich“ angerempelt wurden. Langsam mehrten sich die Stimmen im Markt, dass die Gaukler weiterziehen sollten. Hinter vorgehaltener Hand munkelte man sogar, dass die Fremden mit bösen Mächten in Verbindung stünden, weil gar kein Regen fallen wollte.
Und die Spielleute selbst spürten die wachsende Ablehnung und begannen, Vorbereitungen für das Weiterziehen zu treffen. Sie packten ihre Habseligkeiten und beluden ihre beiden Wagen.
„Fahren wir schon weiter, Vater?“, fragte ein kleiner schwarzhaariger Junge seinen Vater, den Zauberer der Gruppe. Der nickte ernst. „Weißt Du, Alberto“ sagte er, „Wir Spielleute sind immer auf Reisen und bleiben, solange wir in der Gunst des Publikums und der Ortsoberen stehen. Jetzt ist es vorbei und wir suchen unser Glück woanders.
Wir ziehen in den nächsten südwärts gelegenen größeren Ort. Dann kannst Du dort auch alle Zauberkunststücke zeigen, die Du schon gelernt hast. Und so werden wir nach und nach weiter nach Süden reisen, bis wir das Land Deiner Vorfahren, Italien, erreichen.“ Die Augen des Knaben begannen zu leuchten. „Das Land meiner Vorfahren, dort, wo es immer warm ist?“ fragte er aufgeregt. „Werde ich das Meer sehen?“
„Ja, mein Sohn“, nickte sein Vater lächelnd und strich ihm liebevoll über den Haarschopf. „Du wirst das Meer sehen und weite Landschaften, alte Städte und große Olivenfelder. Nun rufe Deine Schwestern und sage ihnen, dass sie ihre Sachen packen sollen. Morgen in aller Frühe reisen wir ab.“ Der Junge lief los, sich auf neue Abenteuer freuend.
Der Zauberer Alwin seufzte leise, als er sich zu seiner Frau Lioba umdrehte. Lioba war eine schlanke schöne Frau mit hohen Wangenknochen, deren gelocktes schwarzes Haar ihr bis auf den Rücken fiel. Sie stieg gerade aus ihrem Wagen und betrachtete ihn mit ihren warmen braunen Augen sorgenvoll. „Alles wird gut“ beruhigte er sie. „Im nächsten Ort sind wir wieder willkommen“. Er gab ihr einen Kuss auf die Wange und tätschelte einen der beiden alten Gäule, die schon so lange die wackeligen Gespanne zogen. „Hört her, Freunde!“ rief er über das Lager der Spielleute, so dass ihn alle hören konnten. „Eilt Euch! Die Nacht wird hell, denn es ist Vollmond. Morgen noch vor Sonnenaufgang brechen wir auf!“
In derselben Nacht brannte die Klosterkirche. Am Morgen waren die Gaukler verschwunden und es begann zu regnen.
24. Juni 1390, Benediktinerinnenkloster Geisenfeld
Der Medicus, der im Markt Geisenfeld und im Kloster die Kranken behandelte, hatte nach dem Mittagsmahl den Raum aufgesucht, in dem er seine „Studien“ abhielt. Kaum war er in dem Zimmer verschwunden, so kündete lautes Schnarchen davon, dass er seine Berauschtheit ausschlief.
„Wir haben die Arbeit während des ganzen Tages und Du zehrst von den Heilerfolgen, die wir erzielen“, murmelte Magdalena verbittert. Als Angehörige des Ordens durfte sie nicht einmal zugeben, dass sie die Kranken und Verletzten behandelte, sondern war von der Obrigkeit nur als Helferin des Medicus geduldet. Dabei verstand dieser Säufer nicht einmal mehr die Grundlagen der Kräuterkunde, sondern ließ sich von ihr während der Behandlungen alles erklären. Im Markt und bei den Oberen aber galt er als der verständige Arzt, auch wenn es das einfache Volk besser wusste. Magdalena sah erschöpft auf ihren Medikamententisch, an dem sie saß und auf dem sich die verschiedensten Heilkräuter, Tinkturen und Salben zusammen mit Wundverbänden und verschiedenen Operationsbestecken befanden. Im Laufe der Zeit kostete sie dieses Komödienspiel immer mehr Kräfte.
Als Schwester Anna meldete, dass einer der Bauern, die für das Kloster arbeiteten, mit einem schwer verletzten Pilger an der Pforte wartete, schaute sie müde auf. „Ich komme gleich. Lass ihn in die Krankenstube bringen. Und sieh nach, ob der Medicus noch schläft.“ Sie seufzte. In letzter Zeit waren Strauchdiebe und Räuber wieder häufiger zugange gewesen. Doch war es ungewöhnlich, dass auch Pilger angegriffen wurden. Aber schließlich waren in den zurückliegenden Jahren häufiger Missernten und in der Folge Hungersnöte aufgetreten. Die Bauern klagten. Dies galt es ernst zu nehmen, denn das Kloster lebte zu einem Gutteil von den Abgaben, die sie leisteten. Zwar waren die Schwestern bemüht, für die Hungernden zu sorgen. Vor allem Brot und Gemüse wurde an die Bedürftigen ausgegeben. „Unser täglich Brot gib uns heute“ wurde im Vaterunser gebetet und jeder, ob Hungernder oder sorgende Ordensschwester, wusste nur zu gut, was es bedeutete, wenn das Brot fehlte. Sogar Lebkuchen, das Gebäck, das eigentlich zu Weihnachten gehörte, war in Notzeiten von den Nonnen in der Konventsküche mit Gewürzen versetzt und an die Hungernden abgegeben worden.
Zu Aufruhr in Folge von Hungersnöten war es glücklicherweise noch nicht gekommen. Die Abtei selbst war außerdem von einer dicken Ringmauer umgeben. Nur der Klostervorhof mit der Pfarrkirche, den Kapellen der Schutzheiligen St. Achatz und St. Katharina sowie den Stallungen, dem Krankentrakt und dem Gästehaus war Außenstehenden zugänglich. Im Notfall konnte die Pforte mit ihren schweren Toren verschlossen werden.
Ein weiteres zweiflügeliges Tor führte zum Klosterinnenhof, dem abgeschlossenen Bereich, der auch clausura genannt wurde. Dieses Tor war für gewöhnlich abgeschlossen. Nur Konventsangehörige und mit seltener Ausnahmegenehmigung der Äbtissin auch Gäste hatten Zutritt. Eindringlinge dagegen hatten es überaus schwer, hineinzukommen. Der Markt Geisenfeld aber mit seinen überwiegend aus Holz gebauten Häusern bot sich einem Angreifer nahezu schutzlos dar. Nun, die Marktmauer, die schon so lange geplant war und deren Bau in nicht allzu ferner Zukunft beginnen sollte, würde den Ort für lange Zeit schützen.
Magdalena erhob sich und betrat das Krankenzimmer, in dem die Neuankömmlinge zuerst behandelt wurden. Auf dem Boden lag ein schmutziges Messer neben einem seltsam geformten, grünen Gegenstand. Ein Wanderstab lehnte an der Wand. Daran hing neben einer Kürbisflasche eine zerbrochene Jakobsmuschel. Schwester Anna stand bei dem Patienten und wiegte zweifelnd ihren Kopf. „Es steht nicht gut um ihn“, sagte sie. „Er hat zahlreiche Torturen erlitten, wie man sehen kann. Und wir wissen noch nicht, ob er auch innere Verletzungen hat. Wer weiß, ob er die nächsten Tage überlebt. Ach ja, der Medicus schläft wie ein Neugeborenes.“ Sie kicherte.
Magdalena nickte. Sie hatte nichts anderes erwartet. Auf einem langgestreckten hölzernen Tisch sah sie einen bewusstlosen Mönch liegen, dessen Gesicht mit Blut aus einer klaffenden Kopfwunde bis zur Unkenntlichkeit verschmiert war. Seine Kutte war zerrissen und verdreckt. Der Atem des Mannes ging flach und schnell. Der linke Arm stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Sie trat näher, beugte sich über den Unbekannten und begann, zunächst vorsichtig seine Wunden an den Armen in Augenschein zu nehmen. Der rechte Kuttenärmel des Verletzten war am Ellenbogen abgetrennt. Tiefe Kratzwunden zeugten von einem Kampf. Die Nägel von zwei Fingern waren abgerissen. Sie wollte ihren Blick gerade dem anderen Arm zuwenden, als ihr etwas auffiel. Am kleinen Finger der rechten Hand hatte der Fremde eine auffällige rote Warze. Ihr Atem stockte; es traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie kannte nur einen Menschen, der so ein Merkmal trug. Fieberhaft nahm sie ein Tuch, benetzte es mit Wasser und wusch vorsichtig das Gesicht des Mönchs.
Als sie das geronnene Blut aus dem Antlitz des Mannes entfernt hatte, starrte sie ihn ungläubig an. Schwester Anna fragte beunruhigt: „Was ist mit Dir, Schwester?“ Magdalena löste sich aus ihrer Erstarrung, legte ihre Hand auf die Stirn des Bewusstlosen und wandte sich dann an ihre Helferin. „Er bekommt Fieber. Bereite sofort Umschläge mit Weidenrinden zu. Eile, denn es gilt, keine Zeit zu verlieren!“ Die junge Schwester nickte und lief hinaus.
Magdalena drehte sich wieder zu dem Verletzten um. Sie konnte es immer noch nicht fassen. Dann bemerkte sie unter der Kutte des Mannes ein Glitzern. Wie im Traum griff sie danach. Es war die Kette des Medaillons mit ihrem Bildnis, das sie ihm vor sieben Jahren geschenkt hatte. Als es in ihrer Hand lag, stiegen ihr vor Glück die Tränen in die Augen. Sie betrachtete wieder eingehend sein Gesicht. Er war kräftiger, stämmiger geworden. Die weichen Gesichtszüge von damals hatten sich verloren. Doch es bestand kein Zweifel, er war es.
„Du bist gekommen“, flüsterte sie, von der Erkenntnis überwältigt. Sie sank auf die Knie, hob ihre Hände zum Gebet und dankte Gott. Dann stand sie entschlossen auf. „Johannes, ich verliere Dich nicht noch einmal. Ich kämpfe um Dein Leben!“
10.August 1390, Kleiner Marktplatz, Geisenfeld
Unschlüssig stand Johannes auf dem kleinen Marktplatz. Der heutige Tag war wolkenverhangen und regnerisch gewesen. Obwohl der Regen aufgehört hatte, war der Himmel noch voller schwarzer Wolken. Schon früh war es dunkel geworden. Das Gebet der Vesper hatte der Mönch vor kurzem beendet. Bei Schwester Hedwigis hatte er sich mit der Begründung abgemeldet, noch einen kurzen Spaziergang machen zu wollen. Den verwunderten Blick der Pförtnerin spürte er förmlich in seinem Rücken, als er zum Kleinen Marktplatz ging. Sicher fragte sie sich, warum er bei dieser Dunkelheit noch unterwegs war. Und er? Er fragte sich, ob es richtig war, hierher zu kommen.
Heute morgen hatte er einen Zettel in seiner Unterkunft gefunden. Als er ihn auseinander faltete, musste er sich vor Überraschung auf sein Lager setzen.
„Ich weiß, dass Ihr der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen wollt. Ihr seid auf der richtigen Spur. Doch wisst Ihr noch nicht alles. Wenn Ihr alle Hintergründe kennenlernen wollt, dann kommt am Abend des 10. August vor der Komplet in die abschüssige Gasse an der Nordseite des Kleinen Marktplatz. Geht bis zum Ende durch und haltet Euch dann Rechter Hand. Dort wird Euch alles offenbar werden. Doch kommt alleine!“
Der Brief enthielt keine Anrede und die Unterschrift auf dem Zettel war nicht zu entziffern.
Jetzt stand Johannes im Schatten eines Hauses am Kleinen Marktplatz und spähte in die abschüssige Gasse. Neben seinem Messer mit dem heiligen Holz hatte er vorsichtshalber auch seine Schleuder und einen Beutel mit scharfkantigen Steinen mitgenommen. Im Beutel befand sich auch der Zettel mit der geheimnisvollen Botschaft.
Die Bürger von Geisenfeld hatten sich angesichts des unangenehmen Wetters schon in ihre Häuser zurückgezogen. Kaum jemand war unterwegs. Nur ab und zu glaubte Johannes eine einsame Gestalt zu sehen, die entlang des Markplatzes huschte und eilends in einer Seitenstraße verschwand. Hie und da brannte auf dem kleinen Marktplatz noch eine einsame Fackel und spendete fahles Licht. Wind war aufgekommen und pfiff durch die Straßen. In den Häusern, die die abschüssige Gasse säumten, brannten Lichter, in der Gasse selbst aber herrschte Dunkelheit. Nur ganz am Ende kämpfte eine beinahe niedergebrannte Fackel gegen den Wind an.
`Wenig einladend sieht es hier aus´ dachte der Mönch. `Da hinten ist eine Metzgerei und gleich daneben eine Gerberei´. Während Johannes langsam die Gasse entlang ging, drückte sich Alberto lautlos wie ein Schatten an den Hauswänden entlang. Wer nicht wusste, dass Johannes begleitet wurde, hätte den jungen Gaukler nur sehr schwer bemerkt.
Am Ende der Gasse angekommen, blickte Johannes gespannt um sich. Mittlerweile war es vollkommen dunkel geworden. Die Fackel, die vorhin zumindest schwach gebrannt hatte, glimmte nur noch.
Johannes zog den Zettel aus seinem Steinebeutel. Notwendig war es nicht, denn er kannte die Worte auswendig. „… haltet Euch dann Rechter Hand. Dort wird Euch alles offenbar werden“ Misstrauisch beobachtete er, ob irgendjemand in dieser Gasse war. Doch alles war still. Er konnte nichts außer seinem eigenen Atem und dem Pfeifen des Abendwindes hören. Nur ein leises, kaum wahrnehmbares Scharren verriet ihm, dass Alberto sich unmittelbar hinter ihm befand. Trotzdem konnte er ein Gefühl nicht ignorieren, das ihm sagte, dass sie nicht alleine waren.
Vor sich sah er eine Wand aus massiven Bohlen, die mehr als mannshoch war. In die Wand war ein verschlossenes Tor eingelassen. Die Gasse machte hier einen scharfen Knick nach rechts. Während zu seiner Linken ein hölzerner, offenkundig leerstehender Stadel war, an den sich eine niedrige strohgedeckte Häuserzeile anschloss, war zu seiner Rechten ein mit Ziegeln errichteter fensterloser massiver Bau. Soweit der Mönch erkennen konnte, wich danach die Bebauung zurück. Hier schien der Hof eines Lehnsnehmers zu sein. Doch konnte Johannes nur wenig erkennen. Die Gasse verlor sich nach wenigen Mannslängen in der Dunkelheit.
Plötzlich spürte er eine Hand auf seinem Arm. Vor Schreck hätte er beinahe aufgeschrien. Als er sich umwandte, sah er Alberto, der warnend seinen Zeigefinger vor die Lippen hob und ihm Schweigen gebot. „Wir werden beobachtet“ flüsterte der Knabe fast unhörbar. Johannes zwang sich, nicht umzusehen. „Wer? Wo?“ fragte er leise. Alberto schüttelte den Kopf „Schatten. Schatten, die uns beobachten. Sie wissen, wo wir sind.“ Der junge Mann bewegte kaum die Lippen.
In Johannes Nacken begann es zu kribbeln. Obwohl es empfindlich kühl geworden war, stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Sein Herz klopfte heftig. Er hatte Angst. Warum ließ sich der geheimnisvolle Briefeschreiber nicht sehen? Da vernahm er von rechts ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Ein unterdrücktes Keuchen und ein Schleifen, als würde etwas über den Boden gezogen. Johannes räusperte sich leise. Gerade wollte er rufen, als Alberto warnend seinen Arm drückte.
Auf Zehenspitzen tastete sich Johannes an der Wand des fensterlosen Ziegelbaus entlang bis zur Mauerecke. Vorsichtig spähte er in den Hof, der sich rechts von ihnen auftat. Die Hofstelle war klein, aber solide errichtet. Gegenüber des Ziegelbaus war ein ordentlich gezimmerter Stadel. An der Stirnseite des Hofs befand sich ein kleines niedriges Holzhaus, das einen stabilen Eindruck machte. Das Dach war mit starken Schindeln gedeckt. Im Haus war es dunkel. Nichts ließ darauf schließen, dass jemand anwesend war. Nur eine Kerze, die in einem Glas neben dem windgeschützten Eingang zum Haus des Lehensnehmers stand, spendete einen schwachen Lichtschein, als wolle sie Besucher einladen.
Der Bau, an dessen Ecke Johannes stand, entpuppte sich als Lagerhaus für Strohballen. Die Ballen lagen säuberlich aufgeschichtet auf dem gestampften Boden. Johannes Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Wo war der geheimnisvolle Informant? Warum gab er sich nicht zu erkennen? Hatte er ebenso Angst vor der Rache des Kaufmanns?
Was war das? Ein scharrendes Geräusch ließ Johannes herumfahren. Fiepend lief eine Ratte aus dem Lagerhaus über den Hof auf die schmale Gasse und verschwand in der Dunkelheit.
Nur schwer gelang es dem Mönch, sich zu beruhigen. Seine Finger zitterten. Zum Glück war Alberto nicht weit. Er drehte sich zu seinem Begleiter um. Der Knabe war dicht hinter ihm. Prüfend ließ Johannes seinen Blick über die Hofstelle schweifen. Nichts. Langsam fiel die Spannung von ihm ab und löste sich in Enttäuschung auf. Er war hereingelegt worden. Jemand hatte sich mit ihm einen üblen Scherz erlaubt. Gerade wollte er wieder Kehrt machen, da schlüpfte Alberto an ihm vorbei und spähte in das Lagergebäude. Dann packte er den Mönch am Arm und deutete auf das Innere des Baues.
Johannes folgte seinem Blick. Hinter einigen Ballen, die vor der Masse der anderen aufgeschichteten lagen, konnte er etwas hervorragen sehen. Er kniff die Augen zusammen und schaute genauer hin. Da lag ein Arm auf einem Ballen! Die dazugehörige Person schien sich hinter dem Stroh zu verstecken.
„Holla!“ rief Johannes leise. Keine Reaktion. Noch einmal. „Holla, wer im Namen Gottes versteckt sich hier?“ Stille antwortete ihm.
Lautlos und geduckt huschte Alberto die offene Seite des Gebäudes entlang und kauerte sich an der Ecke zum Haus des unbekannten Lehensnehmers nieder. Er beobachtete die Gestalt, die hinter dem Stroh war. Johannes registrierte mit Verblüffung, dass sich der Fremde nicht sich bewegt hatte, obwohl er doch den Knaben unmöglich übersehen konnte. Schlief er?
Er sah zu Alberto hinüber. Dieser wirkte nun aufgeregt und deutete auf den Unbekannten. Johannes verlor die Geduld. Er schlug alle Vorsicht in den Wind und ging langsam auf den seltsamen Fremden zu, der noch immer hinter den Strohballen kauerte.
„Holla?“ fragte er nochmals leise, als er sich näherte. Wieder keine Reaktion. Johannes musste um das aufgehäufte Stroh herumgehen, um den Unbekannten zu sehen. Dieser befand sich in knieender Haltung. Den nach vorne geneigten Kopf hatte der Unbekannte gegen die Strohballen gelehnt. Sein Gesicht war dem Boden zugewandt. Es sah aus, als sei der Mann vor Erschöpfung im Knien eingeschlafen. Er trug, soweit Johannes erkennen konnte, die Bekleidung eines Knechts, eine rot gefärbte Weste, an der robuste Beinlinge aus schwerem dunklem Stoff befestigt waren. Die dunkelbraunen Lederschuhe machten einen abgenutzten Eindruck.
Johannes sah unschlüssig zu Alberto hinüber. Der Knabe schüttelte warnend den Kopf. Irgendetwas war hier mehr als seltsam. Johannes fasste einen Entschluss. Er huschte zu dem Fremden und kauerte sich neben ihn. Dann tippte er ihm an die Schulter. „Aufwachen!“ flüsterte er. Doch der mutmaßliche Knecht rührte sich nicht. Johannes gab ihm einen leichten Schubs. Langsam fiel der Mann zur Seite und blieb auf dem Rücken liegen. Sein auf dem Stroh gelegener Arm schlug längs ausgestreckt neben seinem Kopf auf.
Schlagartig wurde Johannes klar, dass der Mann tot war. Das weiße Leinenhemd, das der Mann unter seiner Weste trug, wies in Höhe des Herzens einen dunkelroten großen Fleck auf. Fassungslos starrte Johannes den Leichnam an. Der Fremde war erstochen worden. Er wollte gerade die Hand nach dem Toten ausstrecken, als er die warnende Stimme von Alberto hörte.
„Nicht!“ flüsterte der junge Gaukler hastig. „Nicht den Mann berühren! Geh weg von dem Toten! Schnell!“ Johannes schaute in die Richtung des Jungen, aber er konnte ihn nicht sehen. Alberto hatte sich in das Innere des Lagerhauses zurückgezogen. Warum?
Johannes´ Nackenhaare sträubten sich. Er spürte eine nahe Bedrohung! Instinktiv griff er nach seiner Schleuder, holte, so schnell er konnte, einen Stein aus seinem Beutel und legte ihn in die Lederschlaufe.
Da hörte er ein leises Lachen. Ruckartig sprang er auf und drehte sich um.
Im Torrahmen des Holzstadels gegenüber dem Lagergebäude lehnte Albrecht Diflam und grinste. „Mörder!“ sagte er, jede Silbe genüßlich betonend. „Bruder Johannes, Ihr seid ein Mörder! Ich habe genau gesehen, wie Ihr den armen Knecht erdolcht habt! Und dieses kleine Bürschchen, wer immer das auch sein mag, hat Euch geholfen! Dafür werdet Ihr beide gehenkt.“ Er hob die Hand und rief. „Ergreift die beiden Mö..!“
Ein trockenes Knacken unterbrach ihn. Aus der Dunkelheit des Lagergebäudes war ein Stein geflogen und hatte Diflam an der Stirn getroffen. Durch die Wucht des Aufpralls wurde der Kopf des Majordomus zurückgeworfen. Diflam taumelte und fiel rückwärts in den Holzstadel, wo er bewegungslos liegen blieb.
Plötzlich kam ein Knecht aus der dunklen Gasse gelaufen und richtete drohend sein Schwert auf Johannes. Gleichzeitig stürzte aus dem Lehnsnehmerhaus ein weiterer Knecht mit einer Armbrust. Er hob die Waffe und richtete sie auf den Mönch. Johannes warf sich herum. Ohne nachzudenken, spannte er die Schleuder und schoss auf den Armbrustschützen. Der Stein traf den Mann mit Wucht in der Mitte des Brustkorbs. Mit einem Schmerzenslaut ließ der Knecht die Armbrust fallen. Dabei löste sich die Sicherung der Waffe, der Bolzen schoss auf den zweiten Knecht zu und bohrte sich in seine Schulter. Klirrend schlug das Schwert auf dem Boden auf.
Für einen Augenblick schien alles stillzustehen. Johannes´ Verstand weigerte sich zu begreifen, was passiert war. Der Mann, der die Armbrust gehabt hatte, krümmte sich vor Schmerz. Der zweite Knecht starrte verwundert auf den Pfeil, der in seiner Schulter steckte.
Plötzlich kam ein dunkler kleiner Schatten aus dem Lagergebäude gehetzt, packte Johannes am Arm und zischte: „Flieh! Wir müssen fliehen!“ Dies riss den Mönch aus seiner Lähmung. So schnell er konnte, rannte er Alberto nach, der in der Dunkelheit der Gasse verschwand.
Hinter ihnen ertönten laute Schreie: „Mörder! Haltet Sie! Haltet die Mörder!“